Wenn jemand eine Reise tut

Mobilität in vergangenen Zeiten

Unsere heutige Mobilität hat sich in schwindelerregende Größenordnungen geschraubt. Reisen ist heute kein Privileg mehr und eher Alltag als Abenteuer. Man muss das Pulver nicht zweimal erfinden, aber eine kleine Zeitreise bringt manch abenteurliches zutage.

Historische Eisenbahnreise
Nachgestellte Szene einer historischen Bahnreise, links im Bild sind Reisende zu erkennen, die im unklimatisierten Waggon an offenen Fenstern stehen

Wenn jemand eine Reise tut/so kann er was erzählen, /drum nehm ich meinen Stock und Hut/und tät das Reisen wählen. Es war der Dichter Matthias Claudius, der 1786 dieses Lied auf das Reisen anstimmte. Damit hatte Claudius ( Der Mond ist aufgegantgen ) ein populäres Thema angesprochen, das sowohl Beethoven als auch Zelter mit einer Melodie versahen. Heute wird soviel gereist wie nie zuvor, doch über das Reisen gibt es kaum etwas zu erzählen. Doch der Reihe nach.

Kursbuch der Deutschen Reichsbahn
Unerlässliches Utensil einer soliden Reiseplanung war das Kursbuch, eine gedruckte Vorform der heutigen Bahnauskunft

Bei der Wahl des Verkehrsmittels war die Eisenbahnreise lange Zeit die populärste Wahl und für viele auch die einzig machbare Form des Reisens. Ohne booking.com und Navigation musste man damals zum Ziel gelangen. Eine Übersicht bot der Kursbuch genannte Gesamtfahrplan. Wer die begehrte, zweimal im Jahr zum Fahrplanwechsel erscheinende Fibel des Bahnfahrens sein eigen nennen konnte, war gut dran. Zwingende Voraussetzung war allerdings das Beherrschen der Kulturtechnik des Kursbuchlesens. Schulische oder außerschulische Angebote gab es dafür nicht, ohne soziale Netzwerke war man lediglich auf mündliche Überlieferungen im Familien- und Bekanntenkreis angewiesen.


Fahrkartenausgaabe im Museum
Nachbildung einer so genannten Fahrkartenausgabe für den personenbedienten Verkauf in einem Eisenbahnmuseum

Da Tickets noch nicht erfunden waren, musste man an einem Fahrkartenschalter im nächsten Bahnhof seine Fahrkarten kaufen. Dem Fahrpreis lag eine simple Addition der real zu fahrenden Kilometer (bei der Deutschen Reichsbahn der DDR ab 8 Pfennig/Kilometer) zugrunde. Zugang zum Super Sparpreis, zu Ländertickets und anderem mehr war den Reisenden verwehrt.


Empfangshalle in einem Bahnhof
Durch die Zeichnung im Putz sind historische Artefakte wie eine Tür für das Personal, Schalterfenster und Gepäckausgabe zu erkennen

Bahnhöfe besaßen in aller Regel ein Empfangsgebäude mit Wartesaal und Schalterhalle, das sich architektonisch oftmals an bewährten Vorbildern orientierte. Anstelle moderner Presse- und Backwarenshops gehörte allerdings nicht selten eine so genannte Bahnhofsgaststätte (auch Bahnhofswirtschaft) zur üblichen Grundausstattung. Sie war in der Regel nicht für kulinarische Besonderheiten bekannt, aber ein häufig besuchter Alltagsmittelpunkt. Speisen und Getränke mussten jedoch in den Räumen der Gaststätte verzehrt werden, To-Go-Konzepte harrten noch ihrer Erfindung. Im Zug musste man sich mit so genannten Picknickkörben oder Thermoskannen behelfen.

Kaffeegeschirr einer Bahnhofswirtschaft
Anstelle vielseitiger To-Go-Verpackungen erwartete die damaligen User in Bahnhofswirtschaften mehrteiliges offenes Geschirr aus Porzellan

Durch die stationäre Bindung der Speisen und Getränke musste ansteller hochwertiger Launchboxes oder To-Go-Verpackungen auf so genanntes Geschirr (in der Regel im stationären Gebrauch) zurückgegriffen werden. Dessen mehrfache Benutzung brachte zeitraubende Reinigungsarbeiten mit sich. Nachhaltigkeit, Kompostierbarkeit oder CO2-Neutralität waren für die damalige Generation unbekannte Begriffe. Vielseitige Streetfood-Angebote, vegane und umweltfreundliche Kost sucht man in Zeitdokumenten ebenfalls vergebens.


Historische Fensteröffnung eines Eisenbahnwagens
Die historische Fensteröffnung eines Eisenbahnwagens setzte umfangreiche Kenntnisse über den unsicheren Öffnungsvorgang voraus

Smartphones oder Tablets waren noch vor wenigen Jahrzehnten vollkommen unbekannt. Das hatte bei Bahnfahrten häufig außergewöhnliche Zwangsbeschäftigungen über einen zumeist längeren Zeitraum zur Folge. Komplett fehlende Lärmschutzwände gaben beispielsweise den Blick auf die durchfahrenen Landschaften frei. Wer etwa nicht aus dem Fenster sehen wollte, musste auf Buch- oder Zeitungslektüre zurückgreifen. Mitunter soll es auch zu spontanen wie längeren Unterhaltungen mit Mitreisenden gekommen sein. In der Literatur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind manche Beispiele für solches heute kaum vorstellbares Tun zu finden.

Historische Gepäckabfertigung
Sogar Reisegepäck musste eine heute nicht mehr vorstellbare komplexe Sonderbehandlung erfahren

Besonders merkwürdig wirkt der damalige Umgang mit so genanntem Reisegepäck. An den Oberseiten der Koffer oder Reisetasche genannten Transportbehältnisse befanden sich sogenannte Griffe, an denen - anstelle der üblichen Rollen zum Fahren/Schieben - das angehobene Gepäckstück seitlich des Körpers getragen werden musste. Im Zug (-> Glossar) erfuhr es häufig eine eigene Behandlung. In Traglastenabteilen (einfache Vorform der Mulifunktionsflächen vor den Toiletten moderner Reisezugwagen) sowie in einem eigens mitgeführten Gepäckwagen (!) erfolgte der Transport sperriger Gegenstände. Dort mussten auch Fahrräder transportiert werden. Selbst Post-, Expressgut- und Paketsendungen wurden auf diese Weise verteilt.


Historische Gepäckabfertigung
Jahrzehnte mussten vergehen, bis die damaligen Bahnanlagen das Aussehen unserer heutigen Bahnhöfe erreichten

Ins Gewicht fällt auch der enorme Flächenverbrauch der Eisenbahn. Das ohnehin dichte Streckennetz war mit zahlreichen betrieblichen Anlagen, Gebäuden und Einrichtungen förmlich übersäht. Der Aufwand an Arbeitskräften war immens. Bahnhöfe mussten umfangreiche Bewegungen zahlloser Personen und Gütern abwickeln. Umweltfreundliche Radwege sucht man dagegen in damaligen Bahnhöfen vergebens. Besonders entlang der häufig noch vorhandenen Gleise (-> Glossar) waren Bahnanlagen in der Regel außerdem lebensfeindliche Orte ohne begleitendes Grün.

Überreste eines so genannten Stellwerks
Die Steuerung der Verkehrsströme erfolgte von solchen Stellwerken noch dezentral und analog, häufig mit jahrzehntealter Technik

Historisches Hinweisschild in einem Museumsbahnhof
Reisenden*innen*innen wurden vielerorts mit diskriminierenden Begrifflichkeiten auf permanent installierten Schildern konfrontiert


Glossar

Fahrkarte - Substantiv feminin, Worttrennung Fahr|kar|te, seltener auch Fahrschein, altertümliche Bezeichnung für Ticket, Früher auf Pappe, später auf Papier gedruckt

Fahrkartenschalter - Substantiv neutrum, Worttrennung Fahr|kar|ten|schal|ter, Vorläufer des personenbedienten Verkaufs, inzwischen quasi nicht mehr zu finden

Geschirr, Substantiv neutrum, Worttrennung Ge|schirr, von mittelhochdeutsch geschirre, Sammelbegriff für Vorformen für den Verzehr von Speisen, Überlieferungen zufolge soll man nicht selten die Bestellung komplett im Sitzen zu sich genommen haben.

Gleise, Substantiv Plural neutrum, Worttrennung Glei|se, in der Regel Fahrbahn für Schienenfahrzeuge, führte infolge dessen im Betrieb teilweise auch zu EntGLEISungen

Kursbuch - Substantiv neutrum, Worttrennung Kurs|buch, Fahrplansammlung, auf Papier gedruckte Vorform von Reiseauskunft-Apps

Zug- Substantiv maskulin, Worttrennung Zug, überholte, nicht gendergerechte Bezeichnung von Regionalbahn, Regionalexpress, Intercity oder Flixtrain



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