Wüster Bau in Wüsteneutzsch

Die unfertige Schleusentreppe

Neben dem Lindenauer Hafen gehört die Schleusentreppe in Wüsteneutzsch bei Merseburg zu den größten Bauwerken, die mit dem unvollendeten Elster-Saale-Kanal errichtet wurden. Mit ihr sollten 20 Meter Höhenunterschied auf dem Weg zur Saale bewältigt werden.

Verbotsschild an der Schleusenruine
Wer das Adjektiv „strompolizeilich“ noch nicht kannte, ist jetzt zwar nicht unter Strom, aber immerhin im Bilde

Kriegsbedingt blieb das Kanalbau-Projekt unvollendet, beide Endpunkte der neuen Kanalstrecke lagen auf dem Trockenen. Während Speicher und Hafengelände in Leipzig auf andere Weise auch ohne Wasseranschluss genutzt werden konnten, verblieb in Wüsteneutzsch, wenige Kilometer von der Saale bei Kreypau entfernt, nur eine halbfertige Ruine. Dass das Bauwerk überhalb halbfertig werden konnte, stand in der Planungsphase noch nicht fest, ursprünglich war die Errichtung eines Schiffshebewerkes geplant.

Schiffshebewerk Magdeburg-Rothensee
Das 1938 eröffnete Schiffshebewerk Magdeburg-Rothensee - Die Technologie des Spindelantriebes entwickelte der Leipziger Konstrukteur Rudolf Mussaeus

Dabei kommt die Verbindung zum nahezu zeitgleich entstandenen Schiffshebewerk in Magdeburg-Rothensee nicht von ungefähr. Die Anlage am Mittellandkanal war in ihren Abmessungen von 12 Metern Breite und 85 Metern Länge ebenfalls für die damals modernsten Schiffe der 1000-Tonnen-Klasse ausgelegt. Ein Schiffshebewerk hätte jedoch die Baukosten des geplanten Kanals mehr als verdoppelt, die Überwindung der Fallhöhe von zweimal elf Metern wäre zudem technisches Neuland gewesen. Bei dem zu erwartenden Schiffsaufkommen auf dem Saale-Leipzig-Kanal erschien eine Schleusentreppe als ausreichend.

Unvollendete Schleusenanlage in WüsteneutzschDie geplante Schleusentreppe in Wüsteneutzsch ist ein Fragment geblieben, hier das Unterhaupt der oberen Schleusenkammer

Parallele Großprojekte

Das Kanalbauprojekt stand nicht allein: Als „Südflügel des Mittellandkanals“ sollte die Schiffsverbindung zwischen Leipzig und der Saale entstehen, zeitgleich zum letzten Abschnitt des Mittelland-Kanals am Wasserstraßenkreuz Magdeburg. Beide Großprojekte kamen kriegsbedingt im Februar 1943 zum Erliegen. Während das Wasserstraßenkreuz Magdeburg im Rahmen der „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“ im Jahr 2003 vollendet wurde, blieb am Leipziger Kanal und der Schleusentreppe in Wüsteneutzsch die Zeit stehen.

Überlauf vom oberen Sparbecken.
Unvollendet und frei steht der Überlauf vom unteren südlichen Sparbecken, der Wasserspiegel des Kanals liegt elf Meter höher

Eine Fortführung der Arbeiten erscheint aus heutiger Sicht ökonomisch wenig sinnvoll, das touristische Interesse an einer Wasserstraßen-Anbindung Leipzigs ist eher gering, ein Interesse der Wirtschaft ist nicht vorhanden. Auch mit dem Namen des unvollendeten Kanalprojektes bestehen scheinbar nicht zu überwindende Probleme. Die den Leipzigern als Elster-Saale-Kanal und den Anhaltern in exakt umgekehrter Reihenfolge als Saale-Elster-Kanal vertraute Strecke heißt offiziell „Saale-Leipzig-Kanal“. Die hochoffizielle Umzeichnung erfolgte mit Wirkung vom 24.03.1999. Von beiden Bevölkerungsgruppen werden der neue Name als auch die alte Bezeichnung der jeweils anderen Gruppe abgelehnt oder bestenfalls strikt gemieden. Das „Verzeichnis der sonstigen Binnenwasserstraßen des Bundes“ führt das mitteldeutsche Kanal-Fragment vergleichsweise neutral unter der laufenden Nummer 6901.

Blick in den Überlauf des Sparbeckens
Vom der Zwischenhaltung zwischen beiden Schleusen bietet sich der Blick durch den Überlauf des höher gelegenen Sparbeckens

Blick aus dem Überlauf zum Unterhaupt der Schleuse
Die unfertigen Bauten bieten interessante Einblicke, hier aus dem Überlauf zum Unterhaupt der Schleuse

Südliche Kammerwand der Schleuse
Beeindruckend sind die Dimensionen der Schleusenruine, die Kammerwände weisen eine Höhe von 16,20 Meter auf

Oberhaupt der Oberschleuse Wüsteneutzsch
Das Oberhaupt der Oberschleuse, von hier aus ginge es zweimal 11 Meter nach unten zur Saale>

Blick in die Kammer der Oberschleuse
Blick in umgekehrter Richtung: Vom Unterhaupt der Oberschleuse in Richtung Leipzig

Kanalende vor der Schleusenanlage
Knapp zwei Kilometer bereits profilierter aber ungefluteter Kanalstrecke enden vor dem Oberhaupt der Schleuse in Wüsteneutzsch

 Beiträge Auswahl
 Vorheriger Beitrag  |  Nächster Beitrag 

Verwandte Themen

Hafen in Insellage

Am Leipziger Ende des unvollendeten Kanals befand sich über Jahrzehnte ein Hafen in Insellage