Unterbrochene Verbindung

Die Zeit schafft Tatsachen

Was verbindet das mecklenburgische Dömitz mit Otto von Guericke und Carl Maria von Weber? Beide passierten die Zollstadt an der Elbe posthum auf ihrer Überführung in die Heimat. Doch Dömitz bewahrt noch weitere interessante Bezüge zu Brüchen im Zeitgeschehen.

Aufwändige Brücken-Konstruktion
Die Dömitzer Elbebrücke war über 1000 Meter lang, das Elbvorland-Ufer wurde durch so genannte Schwedler-Träger mit 33,9 Metern Stützweite überquert

Theoretisch war die Bahnstrecke von Wittenberge nach Hamburg durch die mecklenburgische Festungsstadt Dömitz eine strategisch wichtige Verbindung, entsprechend aufwändig gestalteten sich Vorbereitung und Bau. Doch bereits bei der Eröffnung im Jahr 1874 war einiges nicht mehr stimmig. Die Zeit sollte nicht das letzte mal über die Strecke hinweggegangen sein und Tatsachen geschaffen haben. Markantestes Bauwerk der Strecke war die Elbbrücke in Dömitz. Wichtige Auflagen für den Bau kamen vom Militär. „Die Elbbrücke bei Dömitz darf höchstens 2000 Schritt von der Zitadelle zu Dömitz entfernt sein und muß eine Drehbrücke, ähnlich wie bei der Brücke zu Hämerten enthalten. Außerdem sind zwei Strompfeiler mit Demolierungsminen zu versehen und die beiderseitigen Zugänge der Brücke durch tambourartige Abschlüsse mit Wachtblockhäusern zu sichern.”

Ruine der Eisenbahnbrücke
Aus heutiger Sicht währte das Dasein der Dömitzer Elbebrücke die längste Zeit als Ruine

Die Brücke in Dömitz stellte man 1873 fertig, die Eröffnung der Gesamtstrecke Wittenberge - Hamburg folgte ein Jahr später. Geplant und trassiert war sie zweigleisig, ging aber nur eingleisig in Betrieb. Von der südlichen Parallelstrecke zur Hauptbahn Berlin - Hamburg hatten sich die Planer anscheinend zuviel versprochen. Das verlegte zweite Gleis auf der Brücke demontierte man schließlich 1886 und verlegte das verbleibende in Brückenmitte. Für die von der Bevölkerung geforderte Errichtung einer separaten Fahrbahn für Fuhrwerke fehlten jedoch Geld und Interesse. Eine Dömitzer Straßenbrücke über die Elbe wurde erst im Jahr 1936 freigegeben.

Schwedlerträger der Flutöffnungen
Die Brückenbögen waren architektonisch kein Highlight, im Status ihres jahrzehntelangen Verfalls strahlen sie eine gewisse Aura aus

Fortbestand als Ruine

Die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges sollten den Status der Dömitzer Eisenbahnbrücke für Jahrzehnte neu bestimmen. Am 20. April 1946 bombardierten amerikanische Flieger das Bauwerk, um einen kontrollierten Rückzug der deutschen Wehrmacht zu verhindern. Der Teil der Drehbrücke über der Elbe wurde dabei zerstört. Anteil an der verheerenden Wirkung der Bomben dürften auch die zuvor durch die Wehrmacht angebrachten Sprengladungen gehabt haben.

Blick nach Osten über die Brückenreste
Vom westlichen Brückenkopf bietet sich ein eindrucksvolles Bild der Konstruktion, die von der Natur sanft zurückgeholt wird

Die deutsche Teilung nach 1945 brachte einen Umbruch der Verkehrsströme und Infrastruktur. sogenaanntes Zonenrandgebiet auf der einen Seite, Hochsicherheitsbereich hinter der Staatsgrenze auf der anderen. Beide waren keine gute Voraussetzung für die Entwicklung der jeweiligen Regionen. Mit den neu entstandenen Besatzungszonen nach dem Zweiten Weltkrieg endete auch eine Besonderheit der örtlichen Grenzziehung. Ursprünglich standen sowohl die komplette Brücke als auch das nahe Dorf Kaltenhof auf Mecklenburger Gebiet. Landes- und Staatsgrenze endeten nun an der Elbe, wenngleich der genaue Grenzverlauf am Fluss noch Jahrzehnte für Unstimmigkeiten zwischen Ost und West sorgte. Für die Eisenbahnverbindung Wittenberge - Hamburg brachte die Nachkriegszeit das Ende. Auf DDR-Seite verblieb noch der Dömitzer Streckenast nach Ludwigslust, die Verbindung nach Wittenberge endete als Reparationsleistung für die Sowjetunion unmittelbar nach Kriegsende.

Westlicher Brückenkopf
Bei der Sanierung des Brückenkopfes verbaute man eigens gefertigte Ziegelsteine aus dem brandenburgischen Glindow

Geteilt und verbunden

Die Deutsche Bundesbahn ließ 1978 wegen akuter Einsturzgefahr die Strompfeiler und die drei verbliebenen Stromüberbauten entfernen. Auf der DDR-Seite demontierte man die Reste der Drehbrücke, die östlichen vier Flutöffnungen sowie den östlichen Brückenkopf im Jahr 1987 im Zuge von Grenzsicherungsmaßnahmen. Dömitz blieb Endstation einer Stichstrecke. Auf der anderen Seite verblieb der Brückenrest als Symbol der deutschen Teilung.

Der Wegfall der innerdeutschen Grenze brachte der Bahnverbindung zwischen Wittenberge und Hamburg keine neuen Aufgaben. Mit dem Ausbau der Bundesstraße 191 und der neuen Elbbrücke schaffte man Tatsachen. Am 18. Dezember 1992 wurde die Brücke eingeweiht, auf den Tag genau 119 Jahre nach der Dömitzer Eisenbahnbrücke. An der Wiederaufnahme eines Bahnverkehrs bestand in der dünn besiedelten Region kein Interesse.

Ehemaliger Bahnhof in Dömitz
Das Dömitzer Empangsgebäude steht nach einem Brand im Jahre 2011 nur noch als Ruine

Losgelöst von allen Verbindungen verblieb die Eisenbahnbrücke als Fragment aus besseren und schlechteren Zeiten. Am 10. April 2010 versteigerte die Deutsche Bahn die Brücke nebst 71.000 Quadratmetern Grundstück. Den Zuschlag erhielt bei 305.000 Euro der niederländische Großindustrielle Dr. Toni Bienemann aus Arnheim. Das Mindestgebot lag bei 19.800 Euro, gekostet hatte die Brücke einst 3,6 Millionen Reichsmark. Interessante Brückenbezüge gibt es mit dieser Verbindung nach Arnheim genug. Damit scheint auch die weitere Erhaltung als Brückenbauwerk gesichert. Erste Sanierungsarbeiten am Brückenkopf konnten im Jahr 2018 abgeschlossen werden.

Bahnhof Dömitz im Abseits

Der ohnehin schwach ausgelastete Bahnverkehr nach Ludwigslust war nach der politischen Wende in der DDR weiter rückläufig. Am 27. Mai 2000 stellte die Deutsche Bahn den Reiseverkehr ein, die komplette Stilllegung folgte ein knappes Jahr später. Den Abbau führte eine thüringer Verwertungsfirma zwischen 2006 und 2007 aus. Im Gegensatz zur Elbebrücke und dem erfolgreich zum Hotel umfunktionierten Speichergebäude am Hafen blieb ein Happy End für den Dömitzer Bahnhof aus. Am 11.August 2011 zerstörte ein Feuer wesentliche Teile des Empfangsgebäudes, im Sommer 2017 wurde es zwangsversteigert.

Ruine des Empfangsgebäudes Dömitz
Seit dem Brand im Jahr 2011 stand die Zeit für das Gebäude nicht still

Zerstörte Gaststättenräume
Frei und luftig liegen heute die Räume der einstigen MITROPA-Gaststätte

Kilometerstein in Dömitz
Weitgereist: Der unauffällige Kilometerstein verrät die einstige Länge der Verbindung

Ehemalige Strecke nach Dömitz
Die ehemalige Strecke nach Dömitz endet wenige Meter hinter dem Bahnhof Ludwigslust

Gleisrest in Ludwigslust
Nichts geht mehr, Eisenbahnverbindungen im platten Land sind in unserer umweltbewegten Zeit nicht realisierbar

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