Durchgefallene Zeitzeugen


Eisenbahn-Lost-Place im Harz

  TECHNIK   16 | 4:25 Min

Die Harzer Schmalspurbahnen sind fester Bestandteil der touristischen Vermarktung der Harzregion. Doch neben gut besuchten Hotspots klaffen im Harz weite Löcher. Eines ist der alte Umladebahnhof Gernrode mit seiner unfreiwilligen Sammlung von Eisenbahn-Fahrzeugen.

Der Rest von Kleinlok 199 010 hinter ausgebranntem Wagenskelett im Wildwuchs
Die 199 010 konnte zunächst gesichert werden, versank später mit anderen Zeitzeugen im Chaos

Wechselfälle der Geschichte

Manches läuft leider vollkommen anders ab als ursprünglich geplant. Die Sachstände sind schnell erzählt. Ausgeliefert wurde die Lok im Jahre 1934 durch die Berliner BMAG als Kleinlok Kö 4325, später versah sie als 100 325 ihren Dienst bei der Deutschen Reichsbahn der DDR. Genau 50 Jahre nach ihrer Indienststellung war sie die erste von fünf umgebauten Loks, die das Raw Ernst Thälmann in Halle verließen. Auf die als 199 010 eingeordnete Lok warteten wichtige Aufgaben im Harzer Schmalspurnetz. Doch die politische Wende ließ es anders kommen. Binnen weniger Monate war die Region zwischen Gernrode, Nordhausen und Straßberg Brachland ohne nennenswerte Industrie und Bahnkunden.

Abgestellte Güterwagen in der weitläufigen Bahnhofsanlage in der Herbstvegetation
Der Umladebahnhof war auch 2011 keine gepflegte Bahnanlage, aber längst kein Lost Place
Seitlicher Blick auf das Führerhaus der abgestellten Kleinlok mit Untersuchungsdaten aus den 1990er Jahren
Auch 199 010 stand noch vergleichsweise komplett im Gelände, wenngleich offen und ungeschützt

Doch noch gestrandet

Eisenbahnfreunde sicherten die 1993 ausgemusterte Maschine vor einem ungewissen Schicksal. Ihr neuer Standort wurde der Bahnhof Gernrode der Selketalbahn im Harzer Schmalspurnetz. Auch der Eintrag in die Denkmalliste Sachsen-Anhalts suggerierte Sicherheit. Doch ausgerechnet die vielbeachtete Verlängerung der Schmalspurbahn in die Welterbestadt Quedlinburg stand für den Anfang vom Ende. Nach den 2004 beendeten Umbauarbeiten besitzt Gernrode einen völlig überdimensionierten Parkplatz für Selketalbahn-Besucher. Des Empfangsgebäude des Regelspur-Bahnhofs wechselte erfolgreich in Privatbesitz. Dem modernisierten Kleinbahnhof Gernrode hingegen fehlten manche Gleisverbindungen und Abstellflächen.

Der ehemalige Umladebahnhof mit Portalkran und einigen abgestellten Schmalspurfahrzeugen
Sonnenaufgang über der Brachfläche des alten Umladebahnhofs in Gernrode im Oktober 2011
Reste des Güterwagens Gw 99-17-02 in der emporgeschossenen Natur
Luftige Reste des Gw 99-17-02 gammeln im Jahr 2022 der nächsten Brandstiftung entgegen
Stilleben mit ausgemusterten Fahrzeugen unter dem Portalkran zwischen Müll und Zerstörung
Die offensichtliche Verwahrlosung der gesamten Fläche schritt seit Jahren unaufhaltsam voran
Ausgemusterter Schneepflug 99-09-86 neben Güterwagenwrack im Wildwuchs unter dem Portalkran
Manches hätte als Ausstellungsstück einen der Bahnhöfe im Netz bereichern können
Der gefledderte Bedienstand des Schneepflugs mit Aussicht auf Verfall und wachsende Natur
Die trostlose Aussicht aus dem Schneepflug gleicht der Aussicht für das Fahrzeug
Blick aus ramponiertem Führerstand der 199 010 auf vergangene Bahngeschichte und immerwährende Goldrute
Auch kleine Unterlassungen und Fehler sind später nicht mehr rückgängig zu machen
Seitlicher Blick auf die traurigen Reste von Kleinlok und Güterwagen hinter hochgewachsener Vegetation
Die Vegetation greift um sich und vereint unter sich die unfreiwilligen Ausstellungsstücke

Die 199 010 und eine Handvoll historischer Güterwagen mussten als Folge fehlender Abstellmöglichkeiten auf den ehemaligen Umladebahnhof umziehen. Was zunächst wie ein Provisorium wirkte, wurde bald unumkehrbare Gewissheit. Wenige hundert Meter Entfernung zum bisherigen Standort genügten, um flankiert von Desinteresse die vorprogrammierten Vandalismusschäden und den schrittweisen Niedergang gewähren zu lassen. Schuldzuweisungen hin, Schutzbehauptungen her – am Ende zählen nur funktionierende Gesamtkonzepte

Blick in den Führerstand der Kleinlok mit Fahrstufen-Handrad und Getriebeverkleidung
Im Kleinlok-Führerstand sind die Spuren von Verfall und Vandalismus nicht zu übersehen
Reste des Motors der Kleinlok, ein Sechszylinder-Reihen-Diesel mit 90 PS
Reichlich Luft und Sonne umgeben im Herbst 2017 den Rest vom Motor der Kleinlok
Detail eines Güterwagens mit Loch in der Seitenwand und dem Hinweis, vorsichtig zu rangieren
Im Rückblick erweist es sich, dass auch unterlassene kleine Schritte in den Untergang führen

Probleme sitzen tief

Bei der Harzquerbahn als zuständigem Eisenbahn-Unternehmen fehlte es an Ideen für Konzepte und wirtschaftlichen Möglichkeiten. Dem ortsansässigen Verein der Selketalbahn fehlten Geld und Manpower – im Gegensatz zu ausgeprägter Vereinsmeierei. Wenige Jahre genügten, um das gepflegte Lokomotivchen zu einem Wrack verkommen zu lassen. Der einstige Umladebahnhof der Selketalbahn präsentierte sich bald als naturnah verwilderter Schrottplatz. Das Selketal gehört zu den Gegenden im Harz, um die der boomende Massentourismus einen Bogen schlägt. An interessanten Zielen, Sehenswürdigkeiten und einer reizvollen Landschaft fehlt es keineswegs. Ob die um Harzgerode herum angeschobenen kleinen Schritte Erfolg haben werden, bleibt abzuwarten. Möglich wäre aber auch, dass Bahn, Gewerbe und Beherbergungen dort ganz verschwinden.

Der Portalkran hinter hochgewachsener Vegetation, fast unsichtbar schimmert die eingewachsene Kleinlok
Im Frühjahr 2022 ist unter dem Portalkran in Gernrode schließlich alles schön grün
Sanddornstrauch mit Früchten vor rostiger Güterwagen-Wand von Kesselwagen 99-01-98 im Gelände
Der Sanddorn ist inzwischen auch Geschichte, heute dominiert einfaches Unkraut
Sonnenuntergang hinter dem Portalkran, verlassene Güterwagen stehen im völlig zugewachsenen Gelände
Ein weiterer Tag senkt sich über das Gelände, die Warteschleife außerhalb der Zeit läuft weiter

Die Bilder entstanden – wie beschriftet – zwischen Oktober 2011 und Mai 2022 und dokumentieren auch den schleichenden Verfall eines Lost Place.