TECHNIK 16 | 4:25 Min
Die Harzer Schmalspurbahnen sind fester Bestandteil der touristischen Vermarktung der Harzregion. Doch neben gut besuchten Hotspots klaffen im Harz weite Löcher. Eines ist der alte Umladebahnhof Gernrode mit seiner unfreiwilligen Sammlung von Eisenbahn-Fahrzeugen.

Wechselfälle der Geschichte
Manches läuft leider vollkommen anders ab als ursprünglich geplant. Die Sachstände sind schnell erzählt. Ausgeliefert wurde die Lok im Jahre 1934 durch die Berliner BMAG als Kleinlok Kö 4325, später versah sie als 100 325 ihren Dienst bei der Deutschen Reichsbahn der DDR. Genau 50 Jahre nach ihrer Indienststellung war sie die erste von fünf umgebauten Loks, die das Raw Ernst Thälmann
in Halle verließen. Auf die als 199 010 eingeordnete Lok warteten wichtige Aufgaben im Harzer Schmalspurnetz. Doch die politische Wende ließ es anders kommen. Binnen weniger Monate war die Region zwischen Gernrode, Nordhausen und Straßberg Brachland ohne nennenswerte Industrie und Bahnkunden.


Doch noch gestrandet
Eisenbahnfreunde sicherten die 1993 ausgemusterte Maschine vor einem ungewissen Schicksal. Ihr neuer Standort wurde der Bahnhof Gernrode der Selketalbahn im Harzer Schmalspurnetz. Auch der Eintrag in die Denkmalliste Sachsen-Anhalts suggerierte Sicherheit. Doch ausgerechnet die vielbeachtete Verlängerung der Schmalspurbahn in die Welterbestadt Quedlinburg stand für den Anfang vom Ende. Nach den 2004 beendeten Umbauarbeiten besitzt Gernrode einen völlig überdimensionierten Parkplatz für Selketalbahn-Besucher. Des Empfangsgebäude des Regelspur-Bahnhofs wechselte erfolgreich in Privatbesitz. Dem modernisierten Kleinbahnhof Gernrode hingegen fehlten manche Gleisverbindungen und Abstellflächen.







Die 199 010 und eine Handvoll historischer Güterwagen mussten als Folge fehlender Abstellmöglichkeiten auf den ehemaligen Umladebahnhof umziehen. Was zunächst wie ein Provisorium wirkte, wurde bald unumkehrbare Gewissheit. Wenige hundert Meter Entfernung zum bisherigen Standort genügten, um flankiert von Desinteresse die vorprogrammierten Vandalismusschäden und den schrittweisen Niedergang gewähren zu lassen. Schuldzuweisungen hin, Schutzbehauptungen her – am Ende zählen nur funktionierende Gesamtkonzepte



Probleme sitzen tief
Bei der Harzquerbahn als zuständigem Eisenbahn-Unternehmen fehlte es an Ideen für Konzepte und wirtschaftlichen Möglichkeiten. Dem ortsansässigen Verein der Selketalbahn fehlten Geld und Manpower – im Gegensatz zu ausgeprägter Vereinsmeierei. Wenige Jahre genügten, um das gepflegte Lokomotivchen zu einem Wrack verkommen zu lassen. Der einstige Umladebahnhof der Selketalbahn präsentierte sich bald als naturnah verwilderter Schrottplatz. Das Selketal gehört zu den Gegenden im Harz, um die der boomende Massentourismus einen Bogen schlägt. An interessanten Zielen, Sehenswürdigkeiten und einer reizvollen Landschaft fehlt es keineswegs. Ob die um Harzgerode herum angeschobenen kleinen Schritte Erfolg haben werden, bleibt abzuwarten. Möglich wäre aber auch, dass Bahn, Gewerbe und Beherbergungen dort ganz verschwinden.



Die Bilder entstanden – wie beschriftet – zwischen Oktober 2011 und Mai 2022 und dokumentieren auch den schleichenden Verfall eines Lost Place.