Abseits der Touristenströme

Bruchlinien im Harzer Selketal

Inmitten des wildromantischen Selketals liegt die beschauliche Ortschaft Mägdesprung. Der Brand einer Ausflugsgaststätte im Sommer 2018 verdeutlicht das enge Nebeneinander von Licht und Schatten in einer der beliebtesten Urlaubssregionen Mitteldeutschlands.

Verwaltungsgebäude des ehemaligen Hüttenwerkes
Von der B 185 leicht abgegraben steht das aus dem Jahr 1781 stammende Verwaltungsgebäude des kurz nach der Wende geschlossenen Hüttenwerkes

Das Selketal gehört zu den schönsten Flusstälern des Harzes. Der gut 60 Kilometer lange Fluss ist ein Nebenarm der Bode, der unverbaut und naturbelassen den Unterharz und das nördliche Harzvorland durchfließt. Wenngleich das Selketal zu den empfehlenswerten Ausflugszielen des Harzes gehört, ist an vielen Stellen zu spüren, dass es auch ein wenig aus der Zeit geraten ist. Es liegt abseits der großen Menschenströme zum Brocken und passt mit seiner überkommenen Infrastruktur nicht so recht in die typischen Touristengeschmäcker der Zeit. Doch das spricht nicht gegen den Landstrich mit seinem eigentümlichen Reiz, im Gegenteil. Was manche Touristen reizt, konfrontiert den Berufspendler mit Problemen. Ein abgelegener Standort gilt als Geheimtipp, wenngleich ausbleibende zahlende Kundschaft den Ortsansässigen den Broterwerb verhagelt.

Vergessene Randlagen

Abseits der stark frequentierten Gebiete, nicht selten in malerischen Gegenden und beschaulichen Ortschaften gelegen, bröckelt der Putz. Es regieren nicht selten Leerstand, Ödnis und Verfall. Die Gründe sind oftmals dieselben: Strukturwandel, leere öffentliche Kassen, fehlende Arbeitsplätze, demografischer Wandel. Besucher blieben aus, Anwohner zogen fort, die Zeit schaffte unumkehrbare Tatsachen. Ganze Ortschaften und Landstriche drohen darüber in Vergessenheit zu geraten.

Hofseite der Hüttenverwaltung
Das Areal der Fabrikanlage ist längst beräumt, das Verwaltungsgebäude hat sich inzwischen die Natur geholt

Abseits in Mägdesprung

Einer dieser Orte ist das Städtchen Mägdesprung im südlichen Selketal. Die Sage vom Mägdesprung über das Selketal wurde von den Brüdern Grimm und Ludwig Bechstein aufgezeichnet. Einst soll hier ein Riesenmädchen zu einem kühnen Sprung über das Tal angesetzt haben. Im 17. Jahrhundert hielt die Hüttenindustrie Einzug in Mägdesprung. Nach anfänglichen Schwierigkeiten entwickelte sich der Standort im 19. Jahrhundert zu einer erfolgreichen Adresse für Kunstguss-Erzeugnisse. Das beschauliche Städtchen an der Selke brachte es in der Folge bald auf mehr als 200 Einwohner. Die Geschicke von Hüttenwerk und Ort waren stets eng miteinander verbunden. Nach der politischen Wende geriet das Werk binnen kurzer Zeit zu einer Industriebrache. Das Gelände wurde beräumt, Teile davon parzelliert und verkauft. Im Jahre 2016 zählte man im inzwischen nach Harzgerode eingemeindeten Mägdesprung 54 Bewohner. Von großen Sprüngen kann man hier nicht mehr berichten.

Brandruine der 'Kutscherstube'
Am 2. Juli 2018 brannte das historische Fachwerkgebäude der „Kutscherstube“ bis auf die Grundmauern nieder

Blumentopf mit Brandschaden
Der Blumentopf zeigt anschaulich die enormen Hitzeausstrahlung des Brandes

Niedergebranntes Gebäudeareal
Einsatzkräfte von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk konnten ein Niederbrennen nicht verhindern

Außenmauer der ehemaligen 'Kutscherstube'
An der Nordostseite des Gebäudes ist lediglich der Teil einer Außenmauer stehen geblieben

Ehemaliges „Kurhaus Meves“
Ursprünglich gehörte der als „Kurhaus Meves“ geführte Hotelbau zum Gebäudekomplex der Kutscherstube

Mülltonne im Hofbereich
Akkurat und aufrecht präsentiert sich die historische Mülltonne im Hofbereich

Loggia am Hotel Mewes
Das baufällig gewordene Hotel Mewes hatte die für die Harzregion typischen Loggien

Brachland in Mägdesprung
Leerstand, Brandschaden, Brachland - Urlaub macht man heute woanders

Ausgeglühter Stahlträger
Auch ein ehemaliger Stahlträger des Gebäudes hat einen Hitzeschaden aufzuweisen

Blick auf die Hüttenwerksverwaltung
Die eingestürzte Kutscherstube gibt des Blick frei auf das Verwaltungsgebäude des Hüttenwerkes

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