Saure-Gurken-Zeit für Lost Place


Konserven-Schumann bleibt

  URBANES   18 | 3:25 Min

Bezeichnet die Redewendung eine Zeit der Knappheit oder Flaute, gibt es in Leipzig noch einen weiteren Bezug. Die Reste der brachliegenden Fabrik Konserven-Schumann sollten 2014 Geschichte sein. Doch auch Jahre später hat sich bei Gurken-Schumann noch nichts getan.

Gut lesbarer Firmenschriftzug an der Giebelfront eines ruinösen Flachbaus
Der verwitterte Schriftzug überstand DDR-Wirtschaft und Jahrzehnte des Leerstands

Unter der Adresse Konservenfabrik Gebrüder Schumann, Leipzig C 1, Dösner Weg 16 firmierte die 1890 gegründete Fabrik am zweiten Standort nahe des Bayerischen Bahnhofs. Man stellte Gemüsekonserven her und wurde deswegen im Volksmund schnell zu Gurken-Schumann. Aus logistischen Gründen setzten die Schumanns auf die Nähe zum modernen Verkehrsmittel Eisenbahn. Dass es keine Neubauten am neuen Standort gab, dürfte ökonomische Gründe gehabt haben.

Erbstücke der Eisenbahn

Einige dieser heute noch als Ruine vorhandenen Gebäude haben ihren eigenen Bezug zur Eisenbahn, handelt es sich bei ihnen doch um die Reste der einstigen Hauptwerkstatt der Sächsisch-Bayerschen Eisenbahn. Für diese Gesellschaft ging der Bayerische Bahnhof in Leipzig 1842 in Betrieb. Die ursprünglichen Gebäude sind durch zahlreiche Umbauten und Erweiterungen im Laufe der Jahrzehnte stark verändert worden.

Verfallene Backstein-Ruinen in Vegetation vor großem Neubau-Wohnkomplex
Verloren wirken die Gebäudereste vor den Neubaublöcken in der Straße des 18. Oktober
Zwei leere Fensteröffnungen mit Rundbögen in Ruine zwischen Ströäuchern
Die Rundbogenfenster erinnern noch an den Bezug zum Bahnhof, mehr ist nicht geblieben

Im Jahre 1907 endete die Ära der Eisenbahn-Werkstatt am Bayerischen Bahnhof. Reparaturen wurden künftig in Zwickau ausgeführt, ein Teil des angestammten Gebäude-Areals musste der Erweiterung des Bahnhofs weichen. Das hatte den recht abgeschnitten wirkenden Zustand der Gebäuderückseiten zur Folge. Im Zuge der 1975 begonnenen Neubebauung der Straße des 18. Oktober stellte man den Bayerischen Bahnhof unter Denkmalschutz. Angedacht war damals, den Bahnhof als Eisenbahnmuseum mit überdachter Ausstellungshalle einzurichten. Über vage Planungen konnte das interessante Projekt jedoch nie hinauswachsen. Der Rest der Geschichte des ältesten erhaltenen Kopfbahnhofes Deutschlands war von etappeweisem Niedergang geprägt. Nebenan wurstelte man sich bei Konserven-Schumann durch Zeit und Planwirtschaft.

Weite begrünte Brachfläche der Gleisanlagen vom Bayerischen Bahnhof mit Stadtzentrum im Hintergrund
Der alte Bayerische Bahnhof ist erledigt, auf dem Gelände wird Wohnbebauung entstehen
Blick entlang der blanken Ziegel-Fassade über Grünfläche bis zu mdr-Gebäude
Das abgehackt wirkende Ende der Südwestseite stammte von der Erweiterung des Bahnhofs
Aufblick an der Ziegelfassade des mehrstöckigen Gebäudes zwischen Wildwuchs und Wolkenhimmel
Als Konservenfabrik dauerte das zweite Dasein der Gebäude, dann folgten Jahrzehnte als Ruinen

Lange nicht mehr zeitgemäß

Bei Gurken-Schumann erloschen die Lichter bereits viel früher. Kurz nach der Wende ging der privat geführte Betrieb endgültig unter und die Gebäude blieben dem Verfall überlassen. Ein Großbrand im Jahr 2011 machte den Großteil der Anlage zu einer einsturzgefährdeten Ruine. Diverse Zündeleien waren vorausgegangen, weitere sollten noch folgen. Der Abriss der Gebäudereste von Gurken-Schumann war nach manchem Hin und Her für September 2014 geplant. Der oft vertagte Abriss wird wahrscheinlich bei der Anlage des geplanten neuen Stadtteils auf der Brachfläche der Bahnanlagen erfolgen. Genaueres ist nicht bekannt.

Mit Bauzaun abgesperrte vermüllte Hoffläche mit verfallenen Nebengebäude, Front Wohnblöcke im Hintergrund
Kurz nach der Wende schloss die private Konservenfabrik, später folgte die Sicherung der Ruine
Hof mit schuppenhaften verfallenen Lagergebäuden, Wohnblöcke im Hintergrund
Gurken-Schumann war schon zu Zeiten seines Bestehens gehörig aus der Zeit gefallen
Ruinenensemble mit Brand- und Vandalismusschäden um Hof inmitten Vegetation
Die zentrumsnahe Lage am Rande eines Wohngebietes ist an manchen Stellen kaum zu ahnen
Blick in ehemalige Lagehalle mit eingebrochenem Dach, Graffiti und Schutt
An der ehemaligen Verladerampe türmen sich seit vielen Jahren nur noch Gebäudetrümmer
Blick durch Giebelfront in Gebäude aus kahlen Wänden mit Schutt und Wildwuchs
Großbrände und Vandalismus suchten das brachliegende Gelände am Wohngebiet regelmäßig heim
Blick zwischen kahlen Ziegelwänden auf dachloses Gebäude hinter Müll
Gleich hinter der einstigen Betriebseinfahrt gibt es das volle Pensum an Verwahrlosung
Blick durch ausgebrochene leere Fensteröffnung ins innere eines ausgebrannten Gebäudes
Brandschäden haben die durch Umbauten ohnehin stark veränderten Gebäude vollends entstellt
Reste einer Kesselanlage in ehemaligem Heizraum unter Bauschutt und Müll
Reste der Kesselanlagen rosten im alten Heizraum vor sich hin, während die Unratberge wachsen
Blick durch leere Fenster in Ziegelwand auf grünen Hof mit Ruinen und Wohnblöcken
Eigenwillige Durchblicke eröffnen sich zwischen Vegetation, Wohnbauten, Verfall und Ödnis
Wand eines leeren Wirtschaftsgebäudes mit gunten Graffiti-Männchen und Sprechblasen
Teile der Brachfläche von Gurken-Schumann präsentieren sich als kommunikative Freiluft-Galerie

  Nachtrag Juli 2025

Nein, wirklich Neues gibt es nicht zu vermelden. Doch das neue Stadtviertel auf dem Areal des Bayerischen Bahnhofs wächst. Das sollte es eigentlich schon ab 2011. Doch die Stadtplanung ist hier wie anderswo mittel- bis langfristig austariert. So steht auch Gurken-Schumann auf seiner fremden Zeit-Insel. Wo kein Fördertopf in Sichtweite, ist kein Abriss.

Straßenbau im neuen Stadtviertel mit Ruinen hinter Wildwuchs am Wegesrand
Das neue Stadtviertel arbeitet sich heran und umstellt das Ruinen-Areal mit Gegenwart
Areal mit Ruinen in Grünfläche vor Neubaublocks hinter einer Baugrube
In der Umgebung wird gebaut, doch wo kein Geld ist, bleibt Gurken-Schumann halt stehen