Wildwuchs in der Urbanität


Emporgeschossene Lost Places

  URBANES   15 | 3:25 Min

Lange Zeit tauchte Natur im städtischen Kontext bestenfalls als Zierde, Randerscheinung oder Gegensatz auf. Doch vor dem Hintergrund mancher Brüche in der geplanten Stadtentwicklung wird man sich mit dem scheinbar widersprüchlichen Begriffspärchen neu arrangieren müssen.

Mit hohem Grün bestandene Brachfläche inmitten der Innenstadt - Das Burgplatzloch Leipzig
Im Jahr 2014 war das Burgplatzloch noch grün, nach zwei Jahrzehnten kam sein Ende

Meist wird Natur in Gegensatzpaaren gedacht: Natur versus Kultur, Natur versus Zivilisation oder auch als Widerspruch Land gegen Stadt. Doch die Lost Places zeigen, wie eng die Verbindung der vermeintlichen Antagonisten in Wahrheit ist. Wo auch immer in unserer urbanen Lebenswelt etwas nicht mehr gepflegt wird oder liegenbleibt, tritt die Natur auf den Plan und holt sich das von ihr einst abgerungene Terrain rasch zurück. An und neben den Lost Places findet man die eigentümlichen Umarmungen von Natur, Urbanität und Technik in der Warteschleife. Schnell sind sie da, die Mauerblümchen, die zugewachsenen Ecken, die Vegetation in den Dachrinnen. Kein Gärtner muss sich extra um sie kümmern. Doch viele dieser Rückeroberungen sind nur eine flüchtige Zwischenlösung. Früher oder später werden viele dieser Stellen wieder in die durchgeplant-betonierten Stadträume zurückkehren.

Blühende Schafgarbe auf gesperrtem Bahnsteig mit Baufahrzeugen im Hintergrund
Dauerbaustellen und Brachflächen holt sich – teilweise oder ganz – in Windeseile die Natur
Büschel mit wilden Lavendelblüten auf brachliegendem lehmigen Bauland
Im Niemandsland zwischen Beräumung und Bebauung ist ein Stück Natur emporgeschossen
Mohnblüten vor einem Bauzaun an alter Hafenmauer
Auch an scheinbar unwirtlichen Orten setzt die Natur ohne Unterlass ihre Zeichen
Lila Fliederblüte vor gusseiserner Treppe in Ruinenhaus
Selbst in einer Fabrikruine blüht auch inmitten von Verfall und Tristesse farbenfroh der Flieder
Gründerzeitlicher Straßenzug hinter völligem Wildwuchs über verrohrtem Pleiße-Flusslauf in Straßenmitte
In bester Gründerzeit-Lage ist ohne Planungen und mit der Zeit ein Wäldchen herangewachsen
Vollkommen in der Natur eingesunkenes Skelett eines Gewächshauses
Auf vergessenem Gelände hat an einem Gewächshaus die Natur die Seiten gewechselt
Reste eines Schuppens mit Graffiti auf Ziegelwand im Grünen versunken
Der Rest eines Güterschuppens reckt sich gegen seinen nahenden Untergang im Grünen
Unscheinbarer Bunkereingang im sommerlichen Grün auf altem Fliegerhorst
Kaum etwas kann Militärobjekte so gut tarnen wie wild wuchernde Sommer-Vegetation
Ein schmales Stück Bahnsteigkante mit Stationsgebäude im Hintergrund unter dichtem Wildwuchs
Der Bahnhof Wolkenburg im Muldental war zeitweise im Wildwuchs kaum noch auffindbar
Heranwachsendes Bäumchen im verrottendem Abteil eines abgestellten Triebwagen
Natur erobert nicht nur (stillgelegte) Bahnhöfe, sondern auch abgestellte Fahrzeuge
Verrostete Wassertürme hinter hoher Vegetation an ehemaliger Drehscheibe
Selbst hohen Wassertürmen macht die wuchernde Natur mit der Zeit Konkurrenz
Drehscheibe inmitten von Wildwuchs vor nicht mehr sichtbarem Lokschuppen
Um die verlassene Drehscheibe herum sorgt nur noch das Pflanzenwachstum für Bewegung
Stillgelegte Bahnhofsgleise an ehemaligem Ablaufberg unter herbstlicher Vegetation
Vegetation überzieht ungenutzte Gleise, bevor sie für immer verschwinden


  Nachtrag Juli 2023

Der fertiggestellte Burgplatz mit Hotelneubau an der Peterspassage
Das Burgplatzloch ist nach zweieinhalb Jahrzehnten Geschichte – Ein kurzer Nachruf

Das Burgplatzloch ist Geschichte. Mehr als zwei Jahrzehnte gehörte die verwaiste Dauerbaustelle in bester City-Lage zum Stadtbild beinahe schon dazu. Die Besitzer des Areals wechselten in dieser Zeit mehrfach und mehrere ehrgeizige Projekte verliefen aus verschiedenen Gründen schließlich im Sande. Der architektonisch ansprechende Bau bringt zudem Geschichte zurück: Mit den lebensgroßen Sandsteinfiguren an der Fassade stehen Johannes Eck, Georg von Sachsen und Martin Luther nahe am Ort ihrer Leipziger Disputation.