Mondlandschaften, Badeseen

Nach dem Tagebau

Kohlegewinnung im Tagebau begann in den 1920er Jahren im großen Stil. Vorab mussten Siedlungen in Größenordnungen weichen. „Devastierung“ oder „Ortsinanspruchnahme“ hießen die Fachbegriffe für die notwendige Freimachung des Abbaufeldes.

Tagebau Profen-Nord
Noch aktiv sind die Tagebaue Vereinigtes Schleenhain und Profen, das Abbaufeld Profen-Domsen soll bis zum Jahr 2035 ausgekohlt sein

In den mitteldeutschen Braunkohlerevieren waren es 126 Siedlungen, die den Baggern weichen mussten, gut 51.000 Einwohner wurden umgesiedelt. Hinzu kamen großflächige Grundwasserabsenkungen und Eingriffe in die Infrastruktur. Kaum ein Rohstoff hat die Landschaft in Deutschland derart verändert wie die Braunkohle. Der erste Großtagebau wurde bei Böhlen, etwa 15 Kilometer südlich von Leipzig, im Jahre 1921 aufgeschlossen. Doch er blieb nicht dort, sondern wanderte über die Zeit kontinuierlich weiter. Zuerst nach Norden, dann westwärts, einige hundert Meter im Jahr. Mit dieser schrittweisen Verlegung wurde er ab 1969 schließlich als Tagebau Zwenkau weitergeführt.

Die heutige 9.000-Einwohner-Stadt Zwenkau umspannte er dabei fast in einem Dreiviertelkreis. Am 30. September 1999 erfolgte die Stilllegung des Tagebaues. Über einen Zeitraum von 35 Jahren förderten die Bergleute aus ihm 586 Millionen Tonnen Rohbraunkohle. Während der Zeit seines Bestehens grub der Tagebau eine Fläche von 2.860 Hektar um - das ist mehr als 55 mal die Fläche der historischen Innenstadt Leipzigs. Von diesen gigantischen Dimensionen zeugt heute der entstandene Zwenkauer See. Mit seiner Wasserfläche von 970 Hektar ist er nach dem Geiseltalsee und der Bitterfelder Goitzsche der drittgrößte künstliche See in Mitteldeutschland.


Tagebau Profen-Nord
Die bereits ausgekohlten Flächen im Tagebaubereich Profen-Nord hat sich bereits die Natur zurückgeholt

Dimensionen der Superlative

Die Sanierungsgebiete aus ehemaligen Tagebauen in Mitteldeutschland nahmen eine größere Fläche ein als die der Insel Rügen, das entstehende Neuseenland im Süden Leipzigs wird damit zu den weltweit größten Landschaftsaustellen gerechnet. Bis zum Jahr 2020 sollen insgesamt 18 Seen mit einer Gesamtfläche von etwa 70 Quadratkilometern entstanden sein. Ähnlich gigantische Dimensionen wie die umgegrabenen Landschaften hatte auch das verwendete Tagebaugerät aufzuweisen. Die im Jahr 2001 im Zwenkauer Tagebau gesprengte Abraumförderbrücke AFB 18 wurde aufgrund ihrer Größe auch als liegender Eiffelturm bezeichnet, wenngleich sie mit 525 Metern Länge das bekannte Pariser Wahrzeichen sogar noch um gut 200 Meter überragt hätte.

Tagebau Zwenkau zu Beginn der Flutung
Im Jahr 2006 waren die Dimensionen des entstehenden Sees um das Städtchen Zwenkau noch nicht zu erahnen

Eine Seenlandschaft entsteht

Der Zwenkauer See umfasst knapp ein Viertel der ursprünglichen Tagebaufläche, weite ausgekohlte Bereiche wurden seit Jahrzehnten kontinuierlich verfüllt. So befindet sich das Areal um den Freizeitpark Belantis oder um die künftigen Waldflächen der Neuen Harth auf Kippengelände. Dennoch sind die Dimensionen des Zwenkauer Sees immens, mit einer Fläche von 970 Hektar und einem Inhalt von 170 Millionen Kubikmetern Wasser wird er zu den 50 größten deutschen Seen gehören. Die Entscheidung, aus den verbliebenen Restlöchern der Tagebaue Seen entstehen zu lassen, war durch das große Massendefizit nach der Auskohlung praktisch vorgegeben. Beim Aufschluss der ersten Tagebaue in Böhlen und Espenhain musste das abgetragene Deckgebirge andernorts noch extra aufgeschichtet werden. Heute ist dieser erste Lagerort als Hochhalde Trages bekannt, ein beliebter Aussichtspunkt.

Rinnsal am entstehenden Zwenkauer See
Ab 2007 erfolgte die Flutung mit Sümpfungswassern aus den Tagebauen Schleenhain und Profen

Die Natur braucht Zeit

Derart großflächige Eingriffe in die Landschaft benötigen auch entsprechende Zeiträume, in denen sich die Natur in den vegetationslosen Kraterlandschaften wieder ausbreiten kann. Mit den nach Jahrmillionen großflächig bewegten Erdmassen ist zudem das gewachsene Gefüge des Bodens verändert worden, eine Flutung allein über das Grundwasser trägt zu einer massiven Versauerung des Wassers bei, der nur mit Kalkbeigaben und weiteren Maßnahmen begegnet werden kann. Bei den Rekultivierungsarbeiten wird berücksichtigt, dass in den betroffenen Gebieten sowohl Natur- als auch Kulturlandschaften neu entwickelt werden müssen. Die Wiederherstellung beider wird jedoch noch mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Baustraße im Tagebau Zwenkau
Im Jahr 2010 ist die zur Tagebausanierung angelegte Baustraße bereits zu einem guten Stück im entstehenden See versunken

Wasserleitung bei Zwenkau
Der Aufwand zur Senkung des Grundwasserspiegels in den bis zu 90 Metern tiefen Tagebauen war enorm

Zwenkauer See und Kraftwerk Lippendorf
Blick von den Abraumkippen am Zwenkauer See zum Kraftwerk Lippendorf, das seine Kohle vom nahen Tagebau Schleenhain bezieht

Böschung im Tagebau Zwenkau
Jahrmillionen Erdgeschichte liegen bis zur Flutung offen an einer Böschungsfläche des Tagebaus

Sanierung im Tagebaubereich Profen-Nord
Die Sanierung der ausgekohlten Tagebaue, wie hier im Bereich Profen-Nord, ist ein aufwändiges Unterfangen

Flutung im Tagebau Zwenkau
Die Flutung ließ bereits im Jahr 2010 neue Landschaften um Zwenkau entstehen, das Flutungsende war vier Jahre später erreicht

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