Tote Hose im Stadtzentrum


Städte veröden im Einheitsbrei

  URBANES   15| 4:10 Min

Als Weißen Januar bezeichnete man früher die Flaute in Gastronomie und Kultur nach dem Weihnachtsfest. Inzwischen hat das Ladensterben ungeahnte Ausmaße angenommen, der einst öffentliche Raum weist große Löcher auf. Straßenzüge, Innenstädte und ganze Regionen entwickeln sich zu Brachhland im globalen Dorf.

Mit Plakaten zugeklebte bemalte Wand mit ehemaliger Ladentür
Wir sind offen – Die Jahre überdauernde Plakatwerbung schafft ein Stück Ironie

Unauffällig korrekt und bunt getarnt ist die Globalisierung von Industrie und Handel vorangeschritten. Die Innenstädte sind längst tot, nur ab und an wechseln im festen Korsett Namen und Brandings. Unter lautem Diversitäts- und Vielfalts-Gedröhn hat sich ein Einheitsbrei mehltaugleich übers Land gelegt. Betraf es anfangs noch den inhabergeführten Einzelhandel, sind längst schon Filialhändler und einst mächtige Ketten in den Abwärtssog geraten. Auch manche Shoppingcenter, die noch vor zwanzig Jahren sämtlichen Einzelhandel im drei-Kilometer-Umkreis aushungerten, sind heute selbst von Leerstand gezeichnet oder haben dichtgemacht. Hinterrücks rollende Pleitewellen bedienen den Markt mit neuen Lost Places.

Zur Wohnimmobilie umgebautes Kaufhaus Held
Kaufhäuser revolutionierten den Handel, heute sind es Reste für den Immobilienmarkt
Anzeige eines Parkplatz-Leitsystems mit 126 freien Plätzen bei Karstadt
Laut ADAC kostet eine Parkplatzsuche zehn Minuten Zeit und 4,5 Kilometer Weg

Global ausgerichtet, lokal verbockt

Doch die Probleme sind hausgemacht. Lokale Händler können den auf Effizienz getrimmten globalen Akteuren nicht standhalten. Wie im Großen, so im Kleinen: Vor Ort machen sich die Folgen ideologisch motivierter Transformationen bemerkbar. Autoverkehr zum Einkaufen wurde jahrelang unter pseudo-ökologischen Gesichtspunkten verteufelt, behindert und verteuert. Explodierende Gewerbemieten, steigender Kostendruck und behördliche Gängeleien beförderten die Abwärtsspirale von Ladenleerstand und Innenstadtverödung weiter. Einkauf vor Ort ist mittlerweile für viele nicht mehr populär. Die gefeierte Geiz-ist-geil-Mentalität ist einem noch gnadenloserem Vergleichs-Diktat gewichen. Wer nicht zum allergünstigsten Preis über Nacht portofrei liefert, ist außen vor. Wie war das mit Nachhaltigkeit? Ach so, man kann doch jetzt alles recyceln ...

Verlassenes altes Fachwerkhaus mit geschlossenem Industriewaren-Laden auf dem Lande
Einst wichtiger Versorgungspunkt auf dem Lande, heute nur noch bezugloser Sanierungsfall
Ein bereits lange geschlossener Dorfkonsum auf dem Lande
Gemischtwarenläden, ob Tante Emma oder Konsum, machten bereits beizeiten dicht
Leerstehendes Haus mit geschlossenem Laden für An- und Verkauf
Geschlossene Geschäfte und menschenleere Straßen: Allgegenwärtige Ödnis in der Provinz

Radikale Umbrüche

Der Strukturwandel der Konsumgesellschaft gehorcht den Auswirkungen einer umfassenden Globalisierung, die in alle Lebensbereiche eingedrungen ist. Der Umbau, der eher einem Kahlschlag gleicht, gewann seit den 1990er Jahren an Fahrt. Im Osten kam er als radikaler Bruch nach der politischen Wende. Im Westen wirkte er zunächst als allmählicher Prozess, der sich aber zusehends beschleunigte.

Geschlossener Schlecker-Drogeriemarkt in Altbauhaus einer Nebenstraße
Als Schlecker 2012 in die Insolvenz rutschte, war die Aufregung noch groß
Fassade leerstehendes Haus mit ehemaligem Laden für Schreib- und Spielwaren
Heute kaum vorstellbar, dass gut sortierter Einzelhandel funktionieren konnte
Geschlossenes Geschäft Photo-Krütken an einer Fußgängerzone
Gegen die Schließungen halfen weder Ideen, noch Konzepte oder Initiativen

Kaum noch Schlupflöcher

Mit den Massenpleiten macht das Zauberwort Attraktivität die Runde – und mit ihm das ewige Mantra von Modernität und Neuerfindung. Sogleich wird über Chancen für einen nachhaltigen Stadtumbau, von Vielfalt und moderner Stadtgesellschaft gefaselt. Doch die medial hochgepriesenen und lokal geförderten Kreativlädchen, Selbsthilfe-Werkstätten oder Nachbarschaftscafés heizen die Abwärtsspirale nur noch weiter an. Spätestens mit dem Ende der öffentlichen Alimentierung ist der ganze Spuk nicht zu halten.

Farblich aufgepepptes Schaufenster in einem leerstehenden Haus
Potemkinsche Dörfer werden vor Ort gern als optisches Mittel gegen Verödung errichtet
Geschlossener Fleischerladen mit Hausfassade unter Plakaten und Graffities
Keine Chance gegen Globalisierung - umweltfreundlich ist der befeuerte Veggi-Hype nicht
Geschlossener Gyros-Grill in Imbisswagen an Häuserlücke
Die mobile Imbiss-Landschaft ist weg, auch Döner- und Pizza-Läden wird die Luft dünn
Leerstehendes kleines Gebäude eines Imbiss mit Graffiti und Plakaten
Kostenexplosion und Überregulierung zeigen überall ihre Folgen für das Gastro-Gewerbe
Geschlossene Vorortkneipe in unsanierter Häuserzeile an Hauptverkehrsstraße
Kneipen gab es an jeder Ecke, nur wenige stehen noch als Ruine im Stadtbild

Corona hat bestenfalls beschleunigt, was sich bereits seit Jahrzehnten auf Talfahrt befand. Sterile Fußgängerzonen, konfektionierte Shoppingcenter und die immergleichen Angebote landauf, landab dürften die besten Gründe für das ausufernde Online-Shopping geliefert haben. Selbst Handelsketten müssen ihr Filialnetz massiv ausdünnen oder ziehen sich ganz aus dem stationären Handel vor Ort zurück. In Zukunft werden dort wohl nur noch die Paketzentren dreier globaler Akteure sein. Aber so schlimm ist es ja gar nicht, eigentlich sind die meisten gar nicht pleite, sie haben nur geschlossen ...

Schlinge im Schaufenster eines leerstehenden Ladens mit Spiegelung älteren Paares
In einem Schaufenster vom Stadtmarketing spiegelt sich schon einmal die Realität ...