Zeitsprung unter Schnee und Eis


Lost Places – verborgen im Winter

  ANGEHEFTET   17 | 2:35 Min

Der Schnee deckt Alltagsspuren über verlassenen Orten zu. Gerade dieses Verbergen bringt Verborgenes zutage, die Aufmerksamkeit rückt ein Stück auf das Wesentliche zu. So ergeben sich interessante Ansichten und Eindrücke mit den Überbleibseln aus verlorenen Zeiten.

Dicke Schneedecke in einer dachlosen Ruine, mittendrin ein Stuhl
Eine dicke Schneeschicht in den Mauern der Alten Mühle deckt den banalen Alltag zu

Früher war mehr Lametta heißt das berühmt gewordene Zitat aus dem Loriot-Sketch Weihnachten bei den Hoppenstedts aus dem Jahr 1976. Früher war natürlich auch mehr Schnee – wenigstens in der Erinnerung. Dass auch in den vergangenen Jahren Schnee lag, offenbart ein Blick ins Bildarchiv. Alltagsaufnahmen mit Lost Places in Weiß. Auf ihnen zeigt sich der schnell ablaufende Wandel der Stadtlandschaften. Die mehr oder minder weiße Schneedecke deckt ab, nivelliert Unterschiede und verziert. Sie überzieht Neubauten wie Ruinen, Brachflächen ebenso wie Landschaften und Parks. Wie bemerkte es Erich Kästner in seinem Gedicht Wintersport? Was gehn den Schnee die Leute an? - Er fällt. Und das genügt.

Industrielandschaft im Schnee
Fabrikruine, Industriekanal und entweihte Kirche - in Eintracht unter dichtem Schnee
Verschneites Brücken-Widerlager
Die Widerlager einer zerstörten Brücke, schemenhaft und in den wenigen winterlichen Farben

Der Winter macht gleich

Vielleicht aber ist das Gegenteil der Fall. Auch wenn die Schneedecke mit ihren vielfältigen Mustern vieles abdeckt, unterstreicht sie doch auch die zeitliche und räumliche Entrücktheit der Objekte aus dem aktuellen Geschehen. Wenn es ein geplantes Wieder-Aufstehen zur Frühlingszeit geben würde, könnte man wahrscheinlich auch von einem vorübergehenden Winterschlaf sprechen.

Verschneite Schleusenruine
Der Blick über den glatten Schnee bleibt an herusstehenden Architektur-Resten haften
Abriss Plattenbau
Selbst Abrissarbeiten vermag der Schnee mit nur wenigen Zentimetern unauffällig zu verzieren
Speicher im Schnee
Auch aus einer tristen Brachfläche zaubert der Schnee eine bilderbuchgleiche Landschaft
Spuren im Schnee
Fußspuren von der Erkundung einer Brachfläche, die bald verschwunden sein wird
Winterliche Hafenbrache
Mit dem Frühjahr kommt eine Großbaustelle, die die Brachfläche Geschichte sein lässt

Winterzauber gibt es nicht

Das, was gewöhnlich mit anheimelnder Weihnacht verbunden wird, hat mit den Lost Places nichts zu tun. Doch Weihnachten bedeutet auch Wintersonnenwende, kündigt die kommenden helleren Tagen an und steht für ein über allem stehendes Heilsversprechen. Das kann stutzig machen – Verbirgt sich dahinter nicht auch der Gedanke, so etwas im tristen Feld der Lost Places zu denken? Einen alten Glanz der verfallenen Größe flüchtig zu erhaschen? Den Wunsch zu entdecken, dass erhaltenswerte Bausubstanz einen Investor findet, der nicht allein eine historische Fassade vor einen Neubau stellt?

Gleisrest im Schnee
Die Brückenruine im einstigen Anschlussgleis vermag der Schnee nicht zu verdecken
Bahndamm mit Schild
Betrieb auf dem stillgelegten Gleis ist weiter entfernt als das kommende Frühjahr
Verschneiter Gleisrest im Wildwuchs
Über dem Wildwuchs auf dem Gleisrest liegt Schnee, bald wird all dies verschwunden sein
Dampflokteile im Schnee
Der Arbeitsvorrat an Lokresten erhält unter der Schneedecke eine Zwangspause verordnet
Verschneite Güterrampe
Die alte Laderampe verharrt in der milden Wintersonne unter ihrer Schneehaube
Wasserturm im Schnee
Auch vormals triste Ecken können auf dem weißen Winter-Teppich feierlich wirken
Ruinen hinter Brückenbogen
Vereiste Wasserläufe bieten kurzzeitig Wanderwege mit neuen Blicken auf Gewohntes
Fabrikruine im Schnee
Der Schnee garniert das Brachland, um es vorübergehend zur Landschaft zu machen
Ruine Eckhaus im Winter
Kahl hingegen steht die Ruine eines Wohnhauses, der Schnee vermag dort nichts zu richten