ERKUNDUNGEN 10 | 3:45 Min
Die Zeit ist eine physikalische Größe. Doch unser Begriff von der Zeit ist vor allem eine gesellschaftliche Erfindung. Sie machte die Zeit nutzbar und abrechenbar. Mit der Einteilung der Zeit kamen auch Mode, Epochen und Zeitgeist auf. Die Herrschaft des Zeitgeschmacks spielt für Lost Places eine wichtige Rolle.

Die Zeit ist wie alle formulierten Naturgesetze ein Werk des Menschen. Daher lohnt eine nähere Betrachtung der Umstände. Denn im Umkreis von Lost Places besteht ein Konflikt mit der Zeit und den von ihr bestimmten Abläufen. Mit der Metapher vom Zeitgeist kommt man diesen Besonderheiten besser auf die Spur. Als Ausdruck des verbreiteten Gedankengutes eines bestimmten Zeitabschnittes bietet er die Basis für Bewertungen und Hierarchien.
Hierarchien unter dem Zeitgeist
Der Zeitgeist ist das formulierte Selbstverständnis dessen, was in unsere aktuelle Zeit gehört und was nicht. Er legt auch fest, an welcher Position sich etwas innerhalb der Hierarchie des Wertvollen befindet. Dinge oder auch Orte, die dem nicht entsprechen, sind aus dieser Bewertung herausgefallen. Damit verlieren sie ganz oder teilweise den ihnen zugedachten Sinn und Nutzen. Sie lassen sich nicht mehr in dieser Hierarchie verorten. Den strikt mit der Zeit gehenden Zeitgenossen sind sie demzufolge suspekt. Wer dem Zeitgeist fest auf dem Schoß hockt, muss Fragen um andere Wertigkeiten ausblenden.

Übersetzt man den krummen Anglizismus Lost Place, stößt man auf das Attribut verloren. Es bringt eine moralische Ausrichtung ins Spiel. Die Lost Places haben den Zeitbezug und damit ihre einstige Bedeutung verloren, ein gesellschaftlicher Boykott ist die Folge. Er schränkt ihre Nutzbarkeit im Alltag ein und stuft sie im Wertekanon zurück. Kein Widerspruch, es ist eben so. Experten wie Laien sind sich einig. Der Zeitgeist kann glaubwürdig wie unwidersprochen herumspuken.


Was aus der Zeit gefallen ist, hat seine symbolische Strahlkraft verloren. Der Verlust materieller Wertigkeit gesellt sich schnell hinzu. Daher rührt auch die mitleidsvolle bis bedauernde Haltung beim Betrachter verlorener Orte. Man kann das moralische Verlorensein auch als eine schicksalhafte Wendung verstehen. In Folge technischer oder gesellschaftlicher Entwicklungen werden nicht mehr zeitgemäßen Dinge aus ihrer Bedeutung gedrängt. Der Zeitgeist degradiert sie damit zu bloßen Relikten.
Teil vom kollektiven Gedächtnis
Das Ablassen von unmodernen Dingen ist aber nicht durchweg negativ besetzt. Unterschiedliche soziale Gruppen haben unterschiedlliche Verhältnisse und Verhaltensweisen zu Mode und Zeitgeschmack. Es bestehen auch Unterschiede, ob es sich um Alltagsgegenstände und einzelne technische Artefakte handelt, oder ob ganze technische Systeme und Zeitepochen mit ihren symbolischen Werten zur Disposition stehen. Schließlich steuern sie wichtige Deutungsmuster zum kollektiven Gedächtnis hinzu.


Rennpappewird heute von der Westkarosse herumkutschiert
Im Augenblick des Verschwindens aus dem öffentlichen und gesellschaftlichen Raum werden oft persönliche Bezüge hergestellt. An diesem Punkt setzen die Nostalgie-Wellen an. Je nach Thematik können sie sich durchaus bis zum Zeitgeist hinaufschaukeln. Doch diese nostalgischen Bezüge verharren zumeist in einem spielerischen Stadium. Den kurzzeitig erinnerten Verlust möchte man nicht wirklich rückgängig machen.
Orientierung in unübersichtlicher Zeit
Der sensiblere Umgang mit der Zeit und den aus ihr gefallenen Artefakten ist noch nicht sehr alt. So kannte die Stadtentwicklung in früheren Zeiten keine Bestandswahrung. Was neu war, stand in der Achtung, Altes war von besserem überwunden und höchstens noch zur Weiterverwendung als Steinbruch zu gebrauchen. Mit dem Erreichen von Grundstandards und dem raschen Wachstum im Industriezeitalter wuchs auch das Interesse am Bewahren. Der verschwindenden Orientierung wollte man mit Bewahrung und Musealisierung Einhalt gebieten. Viele historische Artefakte hat man dadurch neu bewertet und der Nachwelt gesichert. Aber man kann nicht alles aufheben, für die Erinnerung an das Vergangene reichen einige wenige Zeugen aus.

Doch Zukunft braucht Herkunft
– so der bekannte Satz des Philosophen Odo Marquard. Es erscheint sinnvoll, sich der eigenen Herkunft durch einen sensiblen Umgang mit noch vorhandenen Artefakten zu versichern. Das bewahrt auch vor der Täuschung, dass alles Neue neu erfunden wurde und die Notwendigkeit seines Gebrauchs wie selbstverständlich mitbringt. Andererseits muss nüchtern festgehalten werden, dass man in einem Museum nicht leben kann.



Die noch vorhandenen, aber verschwindenden Artefakte vergangener Zeiten sind Zeitzeugen, in denen man lesen und entdecken kann. Darin ähneln sie den Zeitkapseln, jenen Behältnissen, in denen man tagesaktuelle Dinge in entstehende Bauwerke einfügt. Die Lost Places ähneln einer solchen Zeitkapsel. Die Öffnung zum Entdecken der Inhalte obliegt dem Betrachter.