Lost Places als Zeit-Sprung

Zwischen gestern, heute und morgen

„Die Zeit ist eine physikalische Größenart. Das Formelzeichen der Zeit ist t, ihre SI-Einheit ist die Sekunde s.“ Soweit zum Populärwissen in der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Auf den ersten Blick scheint die Zeit ein fest stehendes und unabänderliches Naturgesetz zu sein.

Leeres Ziffernblatt
Zeitbrüche verlaufen zumeist unauffällig, mitunter bringen diese aber auch harte Brüche zutage

Doch die Zeit ist wie alle formulierten Naturgesetze ein Werk des Menschen und lohnt eine nähere Betrachtung der Umstände. Auch der Konflikt mit der Zeit ist im Umkreis der Lost Places ein besonderer. Mit der Metapher vom „Zeitgeist“ kommt man diesen Besonderheiten im Umgang mit der Zeit vielleicht besser auf die Spur. Als Ausdruck eines verbreiteten Gedankengutes eines Zeitabschnittes bietet der Zeitgeist ein minimalistisches aber praktikables Grundverständnis.

Dazu gehörend und angesehen

Die Lost Places setzen ein mehr oder minder formuliertes Selbstverständnis dessen voraus, was in unsere Zeit gehört und was nicht. Das Attribut „verloren“ bringt eine moralische Ausrichtung ins Spiel. Die Lost Places haben ihre einstige Bedeutung verloren. Zum einen in ihrer simplen Nutzbarkeit als Anlage und Gebrauchsgegenstand.

Trabant 500 auf Transportwagen
Was einmal unbeachtete Massenware war, kann nur Jahrzehnte später zum begehrten Sammelobjekt für historisch Interessierte aufsteigen

Zum anderen verloren sie ihre Wertsetzungen und die wichtige symbolische Strahlkraft. Daher auch die mitleidsvolle bis bedauernde Haltung beim Betrachter. Man kann das moralische Verlorensein auch als eine schicksalhafte Wendung in Folge von Entwicklungen sehen, die mit ihrem Fortgang nicht mehr zeitgemäße Dinge aus ihrer Bedeutung entlässt und zu Relikten degradiert. An diesem Punkt setzen auch die populären Nostalgie-Gefühle an. Ein Vergessen im Sinne von „abandoned places“ klingt um einiges nüchterner.

Unterschiedliche Maßstäbe

Das Ablegen von unmodernen Dingen ist dabei von vornherein nicht negativ besetzt. Es ist sogar selbstverständlich, will man sich nicht selbst aus dem aktuellen Zeitgeschehen verabschieden. Doch mit dem, was man ablegt, bestehen erhebliche Unterschiede. Mit einem Kleidungsstück oder einem Alltagsgegenstand verbindet man persönliche Bezüge und Erinnerungen. Gebäude, technische Artefakte und andere aus der Zeit gefallenen Dinge haben einen anderen symbolischen Wert aufzuweisen, der sie in Anlehnung an den Zeitgeist mit Deutungsmustern im kollektiven Gedächtnis verbindet. Gerade im Augenblick des Verblassens und Verschwindens werden dann im Tonfall des Bedauerns oft persönliche Bezüge hergestellt. Doch dieser Bezug verharrt zumeist in einem bloß spielerisch-theoretischem Stadium, den postulierten Verlust möchte man nicht wirklich rückgängig machen.


Zeit als ehernes Gesetz

Der veränderte Umgang mit der Zeit und ihren Artefakten ist nicht sehr alt. Bei Bauvorhaben in früheren Zeiten wurde kaum auf Bestandswahrung geachtet, was neu war, war gut. Das Alte ließ man verschwinden oder nutzte es bestenfalls zur Weiterverwendung als Steinbruch. Mit dem beschleunigten Wachstum im Industriezeitalter wuchs auch das Interesse am Bewahren. Der verschwindenden Vertrautheit wollte man mit Bewahrung und Musealisierung Einhalt gebieten. Viele historische Artefakte hat man seitdem neu bewertet und der Nachwelt gesichert. Doch man kann nicht alles aufheben, für die Erinnerung an das Vergangene reichen einige wenige Zeugen aus.

Heizhausfest Chemnitz
Was im Hobbybereich flammendes Interesse weckt, kann im Alltagsgebrauch keine Bedeutung mehr haben

Doch „Zukunft braucht Herkunft“, so der bekannte Satz des Philosophen Odo Marquard. Es erscheint sinnvoll, sich der eigenen Herkunft mit der Konservierung noch vorhandener Artefakte zu versichern. Man sollte in diesem Zusammenhang jedoch nicht der Täuschung aufsitzen, dass alles Neue neu erfunden wurde. Andererseits muss festgehalten werden, dass man unter normalen Rahmenbedingungen in einem Museum nicht leben kann. Die noch vorhandenen, aber verschwindenden Artefakte vergangener Zeiten sind Zeitzeugen, in denen man lesen und entdecken kann. Darin ähneln sie den Zeitkapseln, jenen Behältnissen, in denen man tagesaktuelle Dinge in entstehende Bauwerke verschließt. Die Lost Places ähneln einer solchen Zeitkapsel. Die Öffnung zum Entdecken der Inhalte obliegt dem Betrachter.



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