ERKUNDUNGEN 4 | 3:15 Min
Die verlorenen Orte ziehen in ihren Bann. Es scheint eine gewisse Ehrfurcht vor den stummen Zeitzeugen und dem Verfall zu geben. Doch oft gründet sie sich auf die Leere des Begriffs Lost Places. Eine Spurensuche bietet drei aufschlussreiche Annäherungen an diesen Themenkreis.

Lost Places liegen im Trend. Längst kursieren in den Social Media diverse Rankings über verlorene Orte, die man unbedingt gesehen haben muss. Das Teilen genannte Verwursten mittelprächtiger Handybilder bringt begehrte Klicks. Ausstellungen ambitionierter Hobbykünstler und Fotoserien im Provinzblättchen sind ebenfalls allerorten zu finden. Für Hobbyknipser bieten Volkshochschulen inzwischen auch Lost-Places-Kurse an. Die Frage nach den Besonderheiten der Lost Places bleibt dabei halb beantwortet im Raum stehen und verhallt. Was bedeuten morbider Charme, Verschwinden, Erinnerung, Nostalgie oder Sehnsucht? Am Ende steht selbst der etwas schräg übersetzte Anglizismus Lost Places einer sinnvollen Deutung im Weg.
Abandoned Places – verlassene Orte – wäre eine passendere Bezeichnung, die auch häufig im anglophonen Sprachraum anzutreffen ist. Doch ob verlassen oder verloren: Im Kontext des Projekts ZeitBrüche soll dieser Unterschied nicht stören, weder der eine noch der andere Begriff ist in der Lage, Wesentliches über das Phänomen auszusagen. Folgt man den Beschreibungen, führen Begriffe wie Verfall, Tristesse, Vergangenheit oder Vergänglichkeit zu einer heißeren Spur.
Spur eins: Außerhalb der Zeit
Bildlich gesprochen sind die Lost Places genannten Orte aus unserer aktuellen Zeit gefallen. Sogar in zweifacher Hinsicht: Einmal trotzten sie Fortschritt und Modernisierung, hielten lange Zeit aus. Sie blieben weitestgehend unverändert in ihrer ursprünglichen Struktur und Substanz bestehen. Viele der verlorenen Orte haben auf diese Weise lange Zeit als scheinbar dauerhafte Atavismen in neuer fremder Umgebung verharrt.

Irgendwann war in diesem Prozess keine Rückkehr aus ihrer Isolierung mehr möglich, eine sinnvolle Veränderung oder Modernisierung ausgeschlossen. Was blieb, war ein Verharren zwischen den Zeiten, zwischen dem Einst und der Zukunft. Im Jetzt waren sie nicht mehr zu gebrauchen, ein Zurück ins Gestern ist nicht möglich.
Auch in Richtung Zukunft fallen die Lost Places aus der Zeit. Sie stehen als Rest eines Gestern in unserer aktuellen Zeit. Nicht allein im übertragenen Sinn stehen sie im Wege. In fremder neuer Zeit geben alte Fabrikhallen bestenfalls Hülle und Fassade bei der Umgestaltung in Lofts und Einkaufszentren. Von der einstigen Nutzung bleiben bestenfalls einige Elemente erahnbar, die Gesamtheit kann nicht konserviert werden. Die verlorenen Orte sind es tatsächlich - Der Untergang unterscheidet nicht zwischen Abriss und Sanierung.
Die Lost Places stecken unentrinnbar zwischen den Zeiten. Ein Zurück gibt es nicht, ein weiteres Verharren ohne Veränderung ist ebenfalls unmöglich. Was bleibt, ist ihr Ende durch Abriss, Sanierung oder andauernden Verfall. Doch flüchtige Momente sind an ihnen für Augenblicke noch zu fassen. Es ist eine zaghafte Verbindung, eine Schnittstelle zwischen den Zeiten, zwischen dem Gestern und Morgen, die eher erahnt als gefasst werden kann. Die Zeit läuft währenddessen unerbittlich weiter, trägt neue Artefakte hinzu und lässt die älteren verblassen und verschwinden.
Spur zwei: Die Romantik
Im Hier und Heute haben die Lost Places ihre ursprüngliche Funktion verloren. An den noch auffindbaren Resten lässt sich ihre einstige Bedeutung erahnen, aber nicht wirklich fassen. Dieser Punkt verweist auf eine lange und interessante Traditionslinie der Geistesgeschichte. So zeigten die Denker der Romantik – in den Aufbruchszeiten des Indsustriezeitalters – Interesse an baulichen Ruinen sowie am Fragment als literarischer und gedanklicher Form. Diese Rückgriffe in das Denken des vorvergangenen Jahrhunderts sind weder Rückschritte noch Kehrtwendungen.

Das Wort Romantik mag heute alt klingen und in Richtung biedermeierlicher Behaglichkeit verweisen. Die Romantik als Strömung der Geistesgeschichte hat mit stimmungsvollen wie weltfremden Szenerien nichts zu tun. Sie ist immer noch imstande, Antworten zu aktuellen Fragen des unseres heutigen Zeitgeschehens zu geben.
Im Zuge von Aufklärung, Französischer Revolution und Industrialisierung hatte man im Zeitalter der Romantik eine radikale wie tiefgreifende Modernisierung aller Lebensbereiche zu bewältigen. So ist es nicht verwunderlich, dass Erfahrungen, Probleme und Fragestellungen thematisiert wurden, die auch in unserer jetzigen Zeit von Interesse sind. Viele folgende Denkansätze haben diese Thematiken aus der Romantik aufgenommen und neu formuliert. Selbst die Grundthemen der sogenannten Postmoderne beziehen sich – ausgesprochen oder nicht – auf Themen und Theoreme der Romantik.
Spur drei: Das Erhabene
Der Begriff des Erhabenen in der uns geläufigen Bedeutung stammt aus den Debatten um das so genannte Kunstschöne aus dem Zeitalter der Aufklärung, die die Wissenschaftsdisziplin der Ästhetik begründeten. Seither werden Theorien des Erhabenen oft neben solche des Schönen gestellt. Beide bilden ein verwandtes und verflochtenes Themenpaar.

Erhabeneszugeordnet werden
Zahlreiche Künstler und Philosophen haben sich mit dem Begriffspaar auseinandergesetzt. Dabei steht das Schöne in Natur und Kunst für Harmonie und Vollendung, das Erhabene steht für das Überwältigende, Formlose und Nichtfassbare. Schönes und Erhabenes beeindrucken, wobei das Erhabene unsere Vorstellungskraft übersteigt und Lust mit Momenten des Schreckens und der Ehrfurcht verbindet. Es geht darum, sinnlich nicht Fassbares in Teilen zu begreifen und Grenzerfahrungen veinzubeziehen.
Auch im aktuellen Zeitgeschehen gibt es keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen. Manches ist auf einer rein rationalen Ebene nicht sinnvoll erklärbar, vieles scheint in der Unendlichkeit scheinbarer Fakten unterzugehen. Dennoch oder gerade deshalb bleibt der Bezug auf eine stabilisierende Ganzheitlichkeit gefragt. Die Denkansätze der Romantik mit ihrem ironisch gebrochenen Verhältnis zur Wirklichkeit und ihrem Spiel mit unlösbaren Gegensätzen hat dabei immer noch erfrischende Sicht- wie Herangehensweisen zu bieten.