Schön. Oder erhaben?

Aufschlussreiche Erklärungen

Seit Menschengedenken läuft man dem Schönen hinterher. Sei es, um schöne Dinge für sich in Besitz zu nehmen oder um die begriffliche Besitznahme des Schönen per Definition zu erreichen. Unzählige Generationen fochten diese Kämpfe mit mehr oder minder großem Erfolg.

Nachthimmel mit Mond
Der Erdtrabant am Nachthimmel sieht zwar schön aus, sollte aber der Kategorie „Erhabenes“ zugeordnet werden

Meist ging es dabei nicht allein um das Schöne, oft setzte man es mit anderen Werten gleich oder ersann Konstrukte, das Schöne in ein allgemeingültiges Schema oder eine Weltordnung einzubinden. Nicht selten waren es dabei die ganz tiefen Fragen nach dem Sinn des eigenen Daseins, die unzählige Suchende antrieben. Die Philosophie war eng mit vielen dieser Bestrebungen verbunden, in ästhetischen Theorien war die Schönheit seit der Antike eines der wichtigsten Themen.

Philosophische Annäherungen

Das Schöne war zumeist nicht allein anzutreffen. Beim antiken Philosophen Platon steht die Idee des Guten, Wahren und Schönen als ein großes untrennbare Prinzip im Mittelpunkt. Auch andere Denker versuchten, Schönheit in ihre Weltsichten und Lehren einzuordnen. Mit der Aufklärung begann man, Prinzipien der Kunstproduktion rational und gesamtheitlich zu fassen. Bei diesen Bemühungen entstand im nächsten Umfeld der Philosophie die Ästhetik als eigenständige Wissenschaftsdisziplin. Im Bemühen, die Welt zu erkennen, setzte man sich auch allen Schwierigkeiten aus, um das Schöne als auch die sinnliche Wahrnehmung zu erklären und damit begreifbar zu machen.


Statuen griechischer Philosophen
Bereits die Philosophen der griechischen Antike beschäftigten Themen um das Schöne und Schönheit

Ein Begriffspaar entsteht

Seit jener Zeit hat sich zum Schönen das Erhabene fest hinzugesellt. Das Begriffspaar ist in unterschiedlichen Theorien immer wieder eng beeinander zu finden. Dabei ist das Erhabene keine Erfindung der Neuzeit, bereits Aristoteles griff im antiken Griechenland in seiner Tragödientheorie auf den Begriff zurück. Auch in Stillehren antiker Rethoriker spielt es eine Rolle, wenngleich der Inhalt des Begriffs sich von dem der Neuzeit unterscheidet.

Am tiefsten und mit nachhaltigster Wirkung nahm sich Immanuel Kant des Themas an, der sich wiederum am Engländer Edmund Burke orientierte. In der „Kritik der Urteilskraft“, dem zeitlich letzten seiner drei Hauptwerke, widmet er sich der Frage nach dem Schönen: „Schön ist das, was in der bloßen Beurtheilung (also nicht vermittelst der Empfindung des Sinnes nach einem Begriffe des Verstandes) gefällt. Hieraus folgt von selbst, daß es ohne alles Interesse gefallen müsse. Erhaben ist das, was durch seinen Widerstand gegen das Interesse der Sinne unmittelbar gefällt.“

Caspar David Friedrich - Der Mönch am Meer
Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Mönch am Meer“ gehört zu den bekanntesten Darstellungen des Erhabenen (Quelle: Wikipedia )

Das Erhabene als Schlüssel zum Verständnis

Wenn vom Gefühl eines übersinnlichen Vermögens die Rede ist, denkt man wahrscheinlich nicht unmittelbar an banale Dinge wie Lost Places. Doch bei näherer Betrachtung eröffnen sich zahlreiche Parallelen. So sind in aktuellen Veröffentlichungen immer wieder Verweise auf einen „geheimnisvollen Zauber“ oder eine „Magie der vergessenen Orte“ zu finden. Auch die Metapher von der „faszinierende Schönheit des Verfalls“ geht in ebendiese Richtung:

Es ist das rational nicht Fassbare dieser Orte, die einstige Bedeutung, die an ihnen durchschimmert, ohne sinnlich oder rational völlig erschließbar zu sein. Nicht selten werden mit den Lost Places auch ganzheitliche Erlebnisse zu vergangenen Zeitabschnitten oder Themen verbunden. All diese Intentionen legen Rückgriffe auf die Kategorie des Erhabenen nahe, die in diesem Zusammenhang Nicht-Begreifbares begreifbar machen sollen.

Postmoderne trifft Romantik

Die Postmoderne, jene Denkrichtung, die Anfang der 1980er Jahre das Ende der großen Erzählungen und die radikale Befragung der Moderne postulierte, machte das Erhabene in zeitgenössischen Diskussionen wieder salonfähig. Man beendete damit die Verleugnung und Unterdrückung nicht-rationaler Spiritualität im Zeitalter der Moderne. Auch viele Antworten auf aktuelle Fragen sind nach Ansichten postmoderner Denker auf einer rein rationalen Ebene nicht mehr zu finden. Hinzu kommt, dass die komplexe globale Wirklichkeit kaum noch vollständig oder rational erfasst werden kann.

Für den französischen Philisophen Jean-François Lyotard ist auch die Kunst der Moderne eng mit der Ästhetik des Erhabenen verbunden. So stehen nicht allein die sinnliche Wahrnehmung und deren Genuss der Kunstwerke im Mittelpunkt. Wihtiger ist bei der Kunstbetrachtung die Verbindung mit Reflexion und Denken. Über das Kunstwerk verbindet sie den eigenen Standpunkt und die uns umgebende Welt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass moderne Kunst die Möglichkeit besitzt, das Unsichtbare im Sichtbaren darzustellen. Ganz ähnlich einem baulichen Fragment, das zwischen seinen beiden Grundzuständen, dem Einst und Heute in einer Zwischenzeit verharrt.



 Beiträge Auswahl
 Vorheriger Beitrag  |  Nächster Beitrag