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Romantisch sind der Sonnenuntergang am Meer und alles andere zwischen Kitsch und Erinnerungsduselei. Doch dieser Allgemeinplatz hat mit der künstlerisch-philosophischen Strömung der Romantik nichts zu tun. Zum Themenfeld der Lost Places gibt die Romantik interessante Verweise.

Die Jahre zwischen 1790 und 1800 markieren das überaus produktive Wirken der sogenannten Jenaer Frühromantik. In einem Hinterhaus an der Leutragasse formierte sich dort mit Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Friedrich von Hardenberg, Fichte, Schelling, Ritter und weiteren Persönlichkeiten ein wirkungsvoller wie einflussreicher Kreis aus Philosophen, Wissenschaftlern und Künstlern.
Reaktion auf Zeitgeschehen
Radikale Veränderungen brachte das aufziehende Industriezeitalter, das Erbe der Aufklärung und die Folgen der Französischen Revolution. In diese Zeit fielen auch umfassende Neuorientierungen in Kunstschaffen und Geistesleben. Viele der von den Romantikern auf den Punkt gebrachten Thesen sind immer noch aktuell. Interessant sind auch ihre Analysen und Reaktionen auf das aktuelle Zeitgeschehen. Manche der behandelten Themen haben Ähnlichkeiten mit Postulaten der späteren Postmoderne.
Der Kreis der Jenaer Frühromantiker setzte sich mit symphatischer Nonchalance über bestehende Wissenschaftsdisziplinen hinweg und widmete sich intensiv künstlerischen wie philisophischen Fragen. Mehr als 200 Jahre später wirken viele ihrer Ausführungen immer noch erstaunlich aktuell und unverbraucht. Zu ihren zentralen Themen gehörte auch die romantische Ironie, die die eigene Rolle des Künstlers zu seinem Kunstwerk sowie dessen Wirkung neu formulierte. Ebenso wichtig wurde das Fragment als künstlerische Form, die das Unfertige und das Werdende gegenüber dem vermeintlich Fertigen in den Mittelpunkt des Interesses stellte.

... vollendet sein wie ein Igel
Wichtige Position postulierte Friedrich Schlegel in der von ihm geführten Zeitschrift Athenaeum. Die darin als Fragmente veröffentlichten, locker gereihten Gedankenblitze faszinieren noch heute. So das im Jahre 1798 veröffentlichte Athenaeums-Fragment Nummer 206, das das Unfertige zum Gegenstand hat: Ein Fragment muß gleich einem kleinen Kunstwerke von der umgebenden Welt ganz abgesondert und in sich selbst vollendet sein wie ein Igel.
Zentraler Punkt dieser Überlegungen Schlegels ist die Emanzipation des Bruchstückhaften und des Unvollendeten. Die komplex und unübersichtlich gewordene Wirklichkeit kann für ihn nicht mehr als Ganzes gefasst und begriffen werden. Daher muss man sich an Teilstücken und Überbleibseln festhalten. Sie sind sowohl verfügbare Zeichen des Ganzen und zugleich Werkzeug, um eine Annäherung an das Ganze, das Absolute zu erreichen. Hier tritt noch die romantische Ironie hinzu, denn diese Annäherung ist unendlich und letztlich ohne Gewähr auf Erfolg.
In erster Linie gelten die Überlegungen der Frühromantik literarischen Texten, beziehen aber auch andere Kunstrichtungen und Theoreme der Erkenntnistheorie ein. Schließlich war man bestrebt, nichts weniger als eine allumfassende Kunst, die Universalpoesie, als einendes wie sinnstiftendes Element aus der Taufe zu heben.
Entdeckung des Unfertigen
Mit der Hinwendung zum Fragmentarischen rücken auch Ruinen als unfertige und bruchstückhafte Bauwerke neu in den Fokus. Die Ruine ist für die Frühromantiker keine überwundene Vergangenheit, sie ist auch kein Ort der bloßen Melancholie oder des Schreckens. Sie steht als steinernes Werkzeug auf der Suche nach einer Ganzheitlichkeit.
Das Unfertige ist wichtiger Schlüssel für Entdeckungen, hilft bei der Einordnung in das Hier und Heute. Dabei zeigt sich die Ruine – einmal in ihrer äußeren Gestalt und einmal in der idealisierten Vorstellung des einst Gewesenen – sowohl als intaktes Gebäude wie als Trümmerstätte. Es gelten beide Erscheinungsformen, der Widerspruch zwischen ihnen kann nicht aufgelöst werden.
Anhaltende Gedankenblitze
Die Gedanken der Jenaer Frühromantik erweisen sich auch heute noch als kämpferisch-kreative Ansage an eine durchrationalisierte und mit sich selbst beschäftigten Gegenwart. Viele Dinge, die die Romantiker beschrieben, sind auch heute Gegenstand von Auseinandersetzungen mit der Gegenwart. Gerade die Gedanken darüber, wie und mit welchen künstlerischen Mitteln Erkenntnis gewonnen werden kann, wirken verblüffend unverbraucht und aktuell.

Die damalige Zeit war unserer heutigen im manchen Dingen nicht unähnlich: Im Zuge der Aufklärung etablierte sich eine durch und durch rationale Weltsicht, die Französische Revolution fegte soziale wie nationale Grenzen hinweg und das beginnende Industriezeitalter sorgte in großem Stil für Umbrüche und Verwerfungen. Vor diesem Hintergrund ergeben sich manche Parallelen zur Gegenwart und den Deutungsversuchen über Lost Places. Doch ausschöpfende oder endgültige Antworten kann es auch mit diesen Rückgriffen auf die Gedankenwelt der Frühromantik nicht geben, simple Kopien sind nicht möglich. Das ist auch gut so. Begriffe wie Ironie oder Fragment stehen für eine sich stets wiederholende und immerzu fragende Betrachtung der komplex gewordenen und widersprüchlichen Wirklichkeit. Die Suche kann weitergehen.