Lebensmittelpunkt Kaffeehaus

Mehr als geschichtsträchtige Orte

Der Leipziger Dichter und Universitätsprofessor Christoph Fürchtegott Gellert lieferte im Jahre 1746 den vielzitierten Satz zu einem thematischen Dauerbrenner: „Schulen und Universitäten sind nicht halb so gut wie die schlechtesten Kaffeehäuser.“ Seine Zeitgenossen als auch nachfolgende Generation haben in verschiedenen Lokalitäten scharenweise so manche originelle Spuren hinterlassen.

Freisitz im Barfußgässchen
Reges Treiben herrscht allabendlich auf der „Drallewatsch“ genannten Kneipenmeile zwischen Markt und Klostergasse

Das Thema Trinken hat unabhängig vom bürgerlichen Kaffeegenuss eine lange Tradition aufzuweisen. Als es noch keine Kaffeehäuser gab, traf man sich in den studentischen Bursen oder in den Wirtshäusern der Stadt. Selbst bei der schweren Belagerung durch die Hussiten anno 1430. Der Handel lag brach, die Einnahmen der Stadt sanken dramatisch. Die Trinkstube im Burgkeller jedoch verzeichnete während dieser Zeit eine Verdoppelung ihrer Einnahmen. Doch der Rat ging seinerzeit recht streng mit Wirten und Herbergen um, nächtliches Zechen und Glücksspiel standen unter empfindlicher Strafe, kontrolliert durch so genannte „Nachtzirkler“.

Familienärger nach Zechtouren

Auch zahlreiche Familien haben mitunter rigide Kontrollfunktionen ausgeübt. Als Friedrich Schlegel in Leipzig 1792 Friedrich von Hardenberg kennenlernte, stand beider Aufstieg zu den führenden Köpfen der Frühromantik noch bevor. Belegt sind hingegen zahlreiche Zechtouren, die das Studium der Juristerei in Gefahr zu bringen drohten. Hardenberg wurde von seinem Vater ins beschaulichere Wittenberg dirigiert, doch auch von dort zog es ihn immer wieder in die Messestadt. Als Absolvent der Freiberger Bergakademie war er ab 1799 wieder in der Region tätig, aber mit solideren Dingen. Er erkundete als Salinen-Assessor und Supernumerar-Amtshauptmann vergleichsweise trockene Braunkohlenlager und geologische Formationen zwischen Zeitz, Borna und Leipzig.

Blick aug Gaststätte Zills Tunnel
Eng verbunden mit dem Alltagsleben Leipziger Geistesgrößen ist „Zills Tunnel"

Zu dieser Zeit weilte der Musiklehrer Carl Friedrich Zöllner bereits nicht mehr unter den Zechenden. Zöllner gilt in Deutschland als der Urvater der Männergesangsvereine. Neben seinem Leipziger Zeitgenossen Ernst Anschütz, der mit „Oh Tannenbaum“ und „Alle meine Entchen“ Gesangsklassiker komponierte, steuerte Zöllner mit „Das Wandern ist des Müllers Lust“ ein nicht weniger populäres Werk dem kollektiven Liedgedächtnis bei.

Kantaten, Lieder, Anekdoten

Zöllner war häufig in „Zills Tunnel" zu Gast, wo er im Kreis seiner Sanges- und Zechbrüder auch einmal den Speisezettel vertonte. Davon zeugt eine Einspielung des Leipziger Vokalmusikensembles "Amarcord". In der Satzung der ersten Leipziger Liedertafel, am 24. Oktober 1815 gegründet, findet sich zudem folgende Bestimmung: „Ein gesundes Mitglied darf ohne allgemein anerkannte Gründe nicht vor elf Uhr weggehen." Ob dieser geselligkeitsstiftende Passus der Kunst am Ende genützt hat, sei dahingestellt. Bekannt ist allerdings, dass sich Gewandhaus-Kapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy beim Besuch des 25. Jubiläums der Liedertafel verärgert zeigte: „Es wurde so falsch gesungen und noch falscher gesprochen."

Was aber wäre die Geschichte der Leipziger Kaffeehäuser ohne Bachs berühmte „Kaffee-Kantate“? Uraufgeführt wurde sie vermutlich 1734, standesgemäß und inhaltsgerecht in Zimmermanns Kaffeehaus in der Katharinenstraße, einem der damals bekanntesten Leipziger Kaffeehäuser. Den Text dazu verfasste der Leipziger Schriftsteller Christian Friedrich Henrici. Die dramatische Kantate mit Schlendrian und Lieschen als Hauptpersonen unter dem programmatischen Titel „Schweigt stille, plaudert nicht“ endet mit dem bekannten Schlusschor: „Die Katze läßt das Mausen nicht, / Die Jungfern bleiben Kaffeeschwestern. / Die Mutter liebt den Kaffeebrauch, / Die Großmama trank solchen auch, / Wer will nun auf die Töchter lästern!“

Anekdotenträchtiges zum Thema Wirtshaus hat auch Max Reger, Komponist, Musiker und Gewandhauskapellmeister, geliefert: „Dem trinkfrohen und trinkfesten Musiker brachte der Kellner im 'Landsknecht' die Rechnung über 13 Liter Kulmbacher. Reger reklamierte: 'So viel trinke ich nie! Ich hab nur zwölf, und meine Alte - oans!'“ Thomaskantor Karl Straube wiederum zitierte für seine Tochter im Jahre 1918 ein anderes Zeitdokument über seinen berühmten Vorgänger:

Bach im Wirtshaus

„...Bach selber war anders. Von dem können wir behaupten, daß er ein großer Esser und Trinker vor dem Herrn gewesen. So war der große Mann einmal in Halle, und zwar hatte er am 28. April 1716 mit dem damaligen Thomaskantor Johann Kuhnau, seinem unmittelbaren Vorgänger, und Christian Friedrich Rolle aus Quedlinburg die Orgel der Marktkirche in Halle zu prüfen. Und was haben diese drei Herren als Leibesstärkung zu sich genommen:

1 Stück Boeuf à la mode, Hechte, 1 geräucherter Schinken, 1 Asiette mit Erbsen, 1 Asiette mit Kartoffeln, 2 Asietten mit Spinat und Saucischen, 1 gebratenes Schöpsen-Viertel, gesottener Kürbis, Spritzkuchen, eingemachte Zitronenschale, eingemachte Kirschen, warmer Spargelsalat, Kopfsalat, Radieschen, Frische Butter, Kälberbraten. Und dazu wurden 44 Kannen Rheinwein und vier Kannen Frankenwein getrunken. Bach war so erschöpft von der Leistung, daß seine zitternde Hand einen dicken Klecks machte, als er den Empfang dieser Leibesnahrung auf einem Papier bestätigte."


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