Kinder, wie die Zeit vergeht

Uhrzeit, Zeitbrüche und Zeitmesser

Zweimal im Jahr bringt es die Zeitumstellung ins Gedächtnis: Die Uhrzeit ist Festlegung und kein Naturgesetz. Sie ist aber vergleichsweise neu. Bis zu den Umwälzungen der Industrialisierung genügten Sonnenlicht und Glockenläuten, um regelkonform über den Tag zu kommen.

Bahnhofsuhr mit Sekundenzeiger
Für manche Zeitgenossen gehört das eigentümliche Warten der Sekundenzeiger an Bahnhofsuhren zu den modernen Alltagsmythen

Der Zeiger der ersten mechanischen Uhren wies auf den aktuellen Stand der Sonne und kehrte damit das bekannte Prinzip der Sonnenuhren um. Ihre künstlichen Räderwerke arbeiteten jedoch gleichbleibend und unabhängig von Sonnenlicht und menschlichem Arbeitseinsatz. Später folgte noch eine feinere Stundeneinteilung auf den Zifferblättern. Die Zeit verging damit nicht nur, sie konnte nun gezählt, berechnet und kalkuliert werden. Ab dem 18. Jahrhundert brachte dafür ein eigener Zeiger für die Minuten noch mehr Genauigkeit.

Erfindungen des Industriezeitalters wie Eisenbahn und Telegrafie hatten bald auch Auswirkungen auf die Zeitmessung. Eisenbahnen ließen den Raum schrumpfen und stellten die alte Zeit auf den Kopf. Diese noch sinnlich erfahrbare Zeit orientierte sich am Sonnenstand vor Ort; zwanzig Kilometer Wegstrecke in Ost-West-Richtung bedeuteten immerhin einen Zeitunterschied von einer Minute. Einheitliche Bahnzeiten entlang der rasch wachsenden Eisenbahnstrecken sorgten bald für Sicherheit im Betrieb aber auch für Verwirrung in den Köpfen der Reisenden. So tickten auf dem Bahnhof im amerikanischen Pittsburgh die Uhren gleich nach sechs verschiedenen Eisenbahnzeiten.


Panzerdenkmal in Brandenburg-Görden
Nach dem gelösten Konflikt mit den Bahnhofsuhren geben heute die Kirchturmsuhren wieder einen einheitlichen Takt vor

Die Zeit wird ausgedehnt

Um Ordnung zu schaffen gingen die einzelnen Orts- und Bahnzeiten bald in einem standardisierten System der Zeitmessung auf. In ganz Preußen - mit seiner beachtlichen Ausdehnung in West-Ost-Richtung - galt bereits ab 1848 eine einheitliche Berliner Zeit. Diese so genannte Normalzeit lieferte die Königliche Sternwarte zu Berlin, die den exakten Zeitpunkt aus astronomischen Beobachtungen ermittelte. Eine durch damalige High-Tech-Verfahren ermittelte Zeit sollte natürlich kein staatliches Geheimnis bleiben und am 20. Juli 1869 ging in Berlin die erste öffentliche Normaluhr in Betrieb - aus technisch-praktischen Gründen unmittelbar gegenüber der Sternwarte.


Rückansicht Panzerdenkmal in Baruth
Die Zeitzonen schufen einst die Eisenbahnen, heute sind Bahnanlagen Rückzugsorte für historische Zeitanzeigen

Mit der späteren Gründung der Normal-Zeit GmbH in Berlin machte man die Verteilung der Normalzeit zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell. Das Interesse an der neuen Zeitrechnung war groß, wissenschaftliche Ambitionen und wirtschaftlicher Bedarf machten zu ihrer flächendeckenden Verbreitung Anordnungen von oben gar nicht erst nötig. Bald nutzte man zur Synchronisation der Zeit die Telegrafenleitungen von Post und Eisenbahn. Mit der Fernübertragung magnetischer Impulse schrumpfte die Abweichung bei der Verteilung der Normalzeit auf eine Viertelsekunde.

Nah am technischen Fortschritt

Der kabelgebundenen Telegrafie folgte bald die Funkübertragung, zu den ersten verordneten Aufgaben für die Marconi-Telegrafen gehörte der Einsatz zur Uhrensynchronisation. Diese Aufgabe rettete nicht nur den Eiffelturm vor seinem planmäßigen Abriss, sondern erschloss auch bislang unzugängliche Gebiete auf See. Die flächendeckende exakte Zeitverbreitung ermöglichte auch eine bislang ungekannte Genauigkeiten bei der exakten Landvermessung. Da mit diesem Schritt auch noch die Verbreitungskosten gesenkt werden konnten, setzte sich die länderübergreifende Globalisierung der Zeit rasch durch. Die Berliner Zeit stieg 1884 zur Mitteleuropäischen Zeit auf und die Erde erhielt zudem ihre 24 Zeitzonen, ausgehend vom Nullmeridian im britischen Greenwich.


Panzerdenkmal im Dorf Kienitz
Zwei Zeiger, zwei Balken: Zeitanzeigen haben den öffentlichen Raum verlassen, die geltende Uhrzeit geben heute Smartphone & Co. vor

Heute ist die Zeitmessung weitgehend entsinnlicht und der Benutzer ist von seiner Verantwortung für den genauen Gang seiner Zeitanzeiger weitgehend entbunden. Nur die Synchronisation von Bahnhofsuhren erinnert Reisende einmal pro Minute mit dem berühmten Zeigersprung an die Uhrensynchronisation - Bahnhofsuhren mit Zeigern und entsprechendes Hintergrundwissen natürlich vorausgesetzt.

Die Zeitmessung versteckt in ihren Einheiten bis heute noch einen ganz anderen Zeitbruch: Das alte Duodezimalsystem mit seiner Grundzahl 12 hat dort neben Zoll, Meile und Kreiswinkel sein unumstrittenes globales Refugium gefunden. In indogermanischen Sprachen findet sich noch heute die alte Bedeutung des Zwölfersystems, sprechen wir doch von zwölf und nicht etwa von zweiundzehn. Mit duodezimalen Zahlenwerten wie Schock und Dutzend hingegen können heute nur noch wenige etwas anfangen. Auch in dieser Hinsicht vergeht die Zeit.


Detail Panzerturm in Brandenburg
Manche Bahnhofsuhren - wie hier im mittelsächsischen Rochlitz - scheinen für ihren Standort wieder eine lokale Zeit anzuzeigen

Neue Zeit in altem Takt

Als Grundlage für Längen, Gewichte und Volumen setzte sich im beginnenden neunzehnten Jahrhundert das feingliedrige und leicht umzurechnende metrische System rasch durch. Mit der aufkommenden Industrialisierung vereinheitlichte es radikal und scheinbar ohne Gegenwehr die unzähligen lokalen Maßsysteme. Bis zum Jahr 1983 war der Meter - der Definition nach - der zehnmillionste Teil der Entfernung vom Nordpol zum Äquator. Diese Rückführung auf die Natur (-Wissenschaften) verschaffte dem metrischen System totale Glaubwürdigkeit. Bei der Zeiteinteilung jedoch blieb es beim alten. Die Versuche einer metrischen Zeiteinteilung aus den Zeiten der französischen Revolution vermochten sich nicht durchzusetzen. Hauptproblem soll der flächendeckende Umbau der komplizierten teuren Uhren gewesen sein, der die unbedarften Nutzer vor neuen Zeiteinteilungen in Zehn-Stunden-Tage mit 100-Minuten-Stunden bewahrte. Von den neuen Bezeichnungen im Kalender einmal ganz abgesehen ...

Den heutigen offiziellen Zeittakt in Deutschland bestimmen die Atomuhren der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig. Sie liefern auch das Zeitsignal, das der Langwellensender im hessischen Offenbach an alle Funkuhren in ganz Mitteleuropa ausstrahlt. Ihm sei an dieser Stelle ausdrücklich Dank für die zusätzliche Schlafstunde ohne Uhrenstellen im Herbst gesagt. Den exakten Uhrenvergleich - sogar online mit Zeigern - gibts es übrigens unschlagbar genau unter www.uhr.ptb.de.


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