Rar gewordene Wahrzeichen

Aussterbende Monumente

Einst galten sie als steinerne Ausrufezeichen des Fortschritts, die im 19. Jahrhundert begannen, den Kirchtürmen ihre himmelweisende Position streitig zu machen. In Zeiten des Kampfes gegen Abgase sterben die einstigen Wahrzeichen einer florierenden Industrie aus.

Schornstein der Leipziger Baumwollspinnerei
Nicht weniger reich verziert als manch Kirchenpfeiler präsentiert der Schornstein der Leipziger Baumwollspinnerei seine einstigen Bedeutung

Der Vergleich mit den Kirchtürmen ist nicht einmal weit hergeholt. In der Gründerzeit galten Fabrikschornsteine als Symbole mit besonderer Strahlkraft. Oft wurden sie entsprechend platziert, um dem jeweiligen Stadtviertel einen ganz eigenen Charakter zu geben. Selbst vergleichsweise kleine Schlote von Handwerksbetrieben im Hinterhaus waren zusätzlich zu ihrer Funktion als Rauchabzug entsprechend verziert, denn sie galten als Statussymbol. Das Industrierevier Leipzig-Plagwitz erreichte immerhin die stolze Dichte von 112 Industrieschornsteinen auf einem Quadratkilometer. Sie qualmten ordentlich und sollten es auch, wie alte Stiche und Postkarten anschaulich und bestimmt auch ein wenig übertreibend belegen. Dass sich dabei die Wohnqualität - auch mit den Schornsteinen vom privaten „Hausbrand" in engen Grenzen hielt, muss nicht weiter ausgeführt werden.

Schornstein des Heizkraftwerkes Süd-Ost
Mit 170 Metern Höhe ist der Schornstein des Heizkraftwerkes Süd-Ost "Max Reimann" die zweithöchste Erhebung in Leipzig, seine Tage sind allerdings gezählt

Wichtige Symbolkraft

Nicht nur aus der klassischen Industriearchitektur ist der Schornstein kaum wegzudenken. Auch die Traumdeutung weiß um die reichhaltige symbolische und psychologische Bedeutung der Schlote. Dabei dokumentieren die oftmals monumentalen Rauchabzüge, dass auch scheinbar nüchterne Ingenieurskunst vor symbolischer Aufladung nicht gefeit war. So besaß der berühmte Luxusliner Titanic einen seiner vier Schornsteine lediglich als eine ästhetisch passende Attrappe.

Die Schornsteinbauten waren zumeist sogfältig geplant. Nicht allein in technischer Hinsicht, oftmals wurden bei ihrem Bau auch zahlreiche Proportionen, Symmetrien und städtische Sichtachsen berücksichtigt. Selbst kleinere Schlote in den Hinterhöfen hatten zahlreichen Zierrat aufzuweisen, größere Schornsteine waren nicht selten ähnlich reich verziert wie die Pfeiler in Kathedralen.

Schornsteine vom Bw Bayerischer Bahnhof
In die aktuellen Stadtbilder und -silhouetten können sich die überkommenen Schornsteinbauten ungeachtet ihres Erhaltungszustandes kaum mehr einfügen

Schwieriger Erhalt

Schornsteine begleiteten souverän und lange die industrielle Entwicklung. Der große Umbruch kam, in Ost wie in West, mit den 1990er Jahren. Ein nicht mehr als Abgaskamin benutzter Schornstein birgt eine Reihe von Problemen. Die fehlende Wärme, die ausbleibende Kondensation und andere kleine aber wichtige Dinge setzen der Substanz der Schlote zu. Manche konnten sich als Antennenträger - nicht selten noch während ihres Betriebs als Schornstein - in ein zweites Dasein retten. Doch der dauerhafte Erhalt der steinernen Giganten ist schwierig, viele sind deswegen auf ein finanziell vertretbares Höchstmaß gekürzt worden. Damit bleibt wenigstens die Ahnung einstiger Größe erhalten.


Schornstein in Leipzig-Leutzsch
Im Leutzscher Industrierevier spiegelt sich noch einmal dieser steinerne Riese in seiner vollen Größe

Zurückgebauter Schornstein
Bald darauf wurde er auf die für den Weitererhalt finanziell höchstzulässige Höhe gestutzt

Reste vom alten Industrierevier
Zwei scheinbar vergessene Schornsteine stehen in Plagwitz an den ehemaligen Anschlussgleisen P V und P VI

Kein Ende in Sicht

Während Fabrikschornsteine und andere Schlote aussterben, feiert inzwischen der archaische Kamin fröhliche Urständ. Fast zwölf Millionen solcher „Einzelraumfeuerungsanlagen" gibt es in Deutschland. Energie-Effizienz und Umweltverträglichkeit dürften kaum den Ausschlag für diese Renaissance gegeben haben. Mindestens 75 Prozent der Heizleistung des Kamins verschwindet durch den Schornstein, eine Stunde Holzfeuer erzeugt dabei ähnlich viel Feinstaub wie einhundert Kilometer im Euro-6-Diesel. Laut Umweltbundesamt liegen die Feinstaub-Emissionen aus Holzfeuerungsanlagen gesamt höher als die aus den Motoren von Pkw und Lkw. Doch lässt sich mit der behaglichen Wärme das soziale Prestige des glücklichen Kaminbesitzers gleich doppelt genießen - am besten bei ziellosem Nachhaltigkeits-Gelaber.

Stadtlandschaft in Böhlitz-Ehrenberg
Leerstand, von der Schließung bedrohter Industriebetrieb, Bordell und Schrebergarten teilen sich dieses Schornstein-Areal in Randlage

Schornstein im Hinterhof
Allgegenwärtig waren auch die vielen kleinen Heizanlagen in den Hinterhöfen, wie hier am ehemaligen Kaufhaus Held in Leipzig-Altlindenau

Schornstein der Gohliser Bleichert-Werke
Auf der Industriebrache der Gohliser Bleichert-Werke reckte sich im Jahr 2009 noch ein stolzer Schornstein empor

Kraftwerk Kulkwitz
Ohne Aufgaben verharrt der Schornstein als vorletztes Überbleibsel des Heizkraftwerkes Kulkwitz als Landmarke

Schornstein der Maschinenbaufabrik Swiderski
Nahezu unauffällig steht der Schornstein neben der Plagwitzer Swiderski-Ruine in ihrem prägnanten Tudor-Stil

Kraftwerk Lippendorf
Teilweise stimmungsvoll wirkt das Kraftwerk Lippendorf, das in die 174,5 Meter hohen Kühltürme unauffällig seine Abgase einleitet

Sonnenuntergang am Lindenauer Hafen
Mit dem Blick über eine Industriebrache am Lindenauer Hafen bietet sich zum Schluss noch einmal ein emissionsfreier Ausblick


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