Hopfen und Malz, Gott erhalt's!


Von Marken zu Lost Places

  INDUSTRIE   17 | 4:45 Min

Gesoffen wird seit Jahrzehnten und Jahrhunderten. Am Konsum wird sich in Zukunft nur wenig ändern, was seitens der Produktion nicht gesagt werden kann. Die radikalen wirtschaftlichen Umbrüche der Globalisierung trafen den deutschen Brauerei-Sektor besonders stark.

Reste Sudhaus-Klinkerbau auf Baustelle an Hauptverkehrsstraße
Die Brauerei C. W. Naumann wurde Teil eines Wohnparks, Bier kommt woanders her

Der massenhafte Bierkonsum setzt eine entsprechende Massenproduktion voraus. Die Brauereibetriebe, die in den letzten Jahrzehnten aus den Stadtstrukturen verschwanden, gehörten Jahrzehnte früher selbst zu den Verdrängern auf dem lokalen Biermarkt.

Umbrüche seit Jahrhunderten

Bereits weit vor der Gründerzeit gehörten Brauereien zu denjenigen Fabriken, die ihre alten Standorte aufgaben und mit modernen Produktionsanlagen neuen Gewerbeflächen in den Vororten besiedelten. Man braute in großem Maßstab: Riebeck in Reudnitz hatte um die vorvergangene Jahrhundertwende das größte Sudhaus der Welt zu bieten.

Entkerntes Sud mit ausgebauten Tanks bei Beräumung Baustelle
Die Rückfront des Sudhauses, viel Substanz bleibt nach der Beräumung nicht stehen
Abriss- und Tiefbau-Arbeiten am der Ruine der Brauerei-Eiskeller
Ein einsames Graffiti-Bier grüßt von der Wand des alten Eiskellers, das war es dann

Die Konstanz der althergebrachten Zutaten Hopfen, Malz und Wasser täuscht über zahlreiche Veränderungen und Innovationen hinweg. Ergänzend zu Dampfkraft und Mechanik im Produktionsprozess brachten die ab dem späten 19. Jahrhundert eingesetzten Kältemaschinen eine weitgehende Unabhängigkeit von Außentemperaturen und Jahreszeiten. Auch der Trend zu Flaschenbier bewirkte drastische Veränderungen für Haushalte als auch Wirtshäuser.

Leerstehender Verwaltungssitz der Brauerei Freygang am Saale-Ufer
Erst Firmensitz, dann Fabrikruine, bald Edelimmobilie: Brauerei Freygang in Halle
Leerstehender Rest der Brauereianlage Rauchfuß hinter leerem Prakplatz
Die Hallenser Brauerei Wilhelm Rauchfuß, bereits seit 1993 ruhte dort der Betrieb

Die Liberalisierung des Biermarktes im 19. Jahrhundert ging auch im mitteldeutschen Raum mit einer zurückgehenden Zahl an Brauereien einher. Der Ausstoß der verbleibenden Betriebe hingegen vergrößerte sich. Eine ähnliche Entwicklung brachten die Umwälzungen im Zuge der untergehenden DDR. Oft ging die Modernisierung mit der Auslöschung der angestammten aber weniger rentabel wirtschaftenden Konkurrenz einher.

Blick aus leerem Türrahmen auf das Sudhaus der alten Sternburg-Brauerei in Trümmerlandschaft
Von der traditionsreichen Sternburg-Brauerei in Lützschena zeugen heute nur noch Ruinen
Hof mit hohen Ruinen und Wildwuchs, Sudhaus im Hintergrund
In Lützschena sprießt die Natur auf dem verwaisten, zum Teil abgerissenen Brauereigelände
Bedientafel Fahrstuhl in Schutt des leerstehenden Sternburg-Lagerhauses
Im funktionslos gewordenen Lagerhaus führt auch der Fahrstuhl nur noch ins Leere
Verladerampe am Lagergebäude mit leerer Ladestraße in Wildwuchs und Schutt
1989 braute Sternburg noch 500.000 Hektoliter Bier, 1991 endete die eigene Brautradition
Leere Lagerhalle Sternburg mit Spannbetonbögen und Graffitis
Der Sommer 1992 brachte das endgültige Aus für den Standfort, seither stehen die Gebäude leer

Branding statt Tradition

Beispiele für solche Nachwendeschicksale sind die Sternburg-Brauerei in Lützschena oder die Hallesche Brauerei Freygang mit ihrer einstigen Stammmarke Meisterbräu. Bei beiden verlief der Weg nach der Privatisierung ähnlich: Von der Brauerei mit Traditionsmarken degradierte man den Betrieb zur reinen Abfüllstation. Wenig später folgte die Schließung mit der Produktionsverlagerung zum Stammhaus im Westen. Die Konzentrationsprozesse ließen in den letzten Jahrzehnten Marken und Brauereien verschwinden. Dennoch verfügt Deutschland im internationalen Vergleich über eine Vielfalt an Brauereien und Bieren.

Leerstehender Raum im Sudhaus Sternburg ohne Kesselanlage
Im Inneren des 1928 errichteten Sudhauses fehlten bald nach der Schließung die Kesselanlagen
Ruinenareal mit abgerissenen und stehen gebliebenen Gebäudeteilen hinter Schuttbergen
Verschiedene Gründe verhinderten über Jahrzehnte eine Wiederbelebung der weitläufigen Immobilie
Großes Werkstattgebäude mit niedergebranntem Dachstuhl hinter Betonbruch im Hof
Ein Brand im Dezember 2013 vernichtete den Dachstuhl und Teile des Maschinenhauses
Einsam herumliegender Sternburg-Bierdeckel in Grass und Schutt
Der verlorene Bierdeckel präsentiert im Gelände ein verlorenes Stück Firmengeschichte

Alles im Umbruch?

Seit Jahren liegt Craft-Beer aus Mini-Brauereien voll im Trend, ebenso lokale Brauereien mit Angeboten jenseits des Mainstreams, die das Bierangebot mit ihrer Vielfalt bereichern. Doch das gut eine Prozent Marktanteil der kleinen Brauereien sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass mehr als die Hälfte der Brauereibetriebe in Deutschland sogenannte Mikrobrauereien sind, die jedoch im Jahr weniger als 1.000 Hektoliter herstellen. Rein mengenmäßig auf die Produktion bezogen bleiben die Verhältnisse klar zugunsten der großen Akteure.

  Nachtrag Februar 2024

Straßenzug mit umgebauten Elementen der alten Brauerei Naumann
Der umgebaute Sudhausrest als Teil des Wohnquartiers Naumannsche Brauerei
Eingerüstetes Gebäude hinter Plane auf Baustelle am Flussufer
Bald werden die neuen Mieter im Freygang-Haus einen unverstellten Saaleblick genießen

Naumann und Freygang stehen exemplarisch für Braubetriebe, die sich mit der politischen Wende auf innerstädtischem Gebiet befanden und am neuen Markt kaum Chancen hatten. Die begehrten Firmengelände in attraktiver Lage gingen in Wohnparks mit einigen architektonischen Zitaten auf.

Blick durch großes Mauerloch auf leerstehende alte Wohngebäude neben Ruine
Das Sternburg-Gelände präsentiert sich 2024 in Erwartung der Zukunft gut gesichert

Für das Gelände der ehemaligen Sternburg-Brauerei in Lützschena-Stahmeln ist ähnliches vorgesehen. Doch das Projekt Wohnquartier Zur Alten Brauerei ist nach dem Wettbewerb 2019 über Änderungen und planungspolitische Querelen lange nicht hinaus gekommen. Der geänderte Bebauungsplan passierte schließlich Mitte Dezember 2023 den Leipziger Stadtrat.