Hopfen und Malz, Gott erhalt's

Versiegte Traditionen

Gesoffen wird seit Jahrzehnten und Jahrhunderten. Am Konsum wird sich in Zukunft nur wenig ändern, was seitens der Produktion nicht gesagt werden kann. Die radikalen wirtschaftlichen Umbrüche mit dem Ende der DDR trafen den Brauerei-Sektor besonders stark.

Brauerei Naumann Zschochersche Straße
Die Reste vom Sudhaus der Brauerei C. W. Naumann in Leipzig-Plagwitz sind seit 2018 Teil eines Wohnparks, Bier kommt woanderes her

Der massenhafte Bierkonsum setzt eine entsprechende Massenproduktion voraus. Die Brauereibetriebe, die in den letzten Jahrzehnten aus den Stadtstrukturen verschwanden, gehörten Jahrzehnte früher selbst zu den Verdrängern auf dem lokalen Biermarkt. Steigende Grundstückspreise, bessere Transportmöglichkeiten und größere Kapazitäten bei der Herstellung haben die Brauereibetriebe und damit die Stadtlandschaften verändert. Die Wanderbewegung der Brauereibetriebe in dezentrale Gewerbeparks sind keine Erfindungen der letzten Jahrzehnte.

Umbrüche seit Jahrhunderten

Bereits weit vor der Gründerzeit gehörten Brauereien zu denjenigen Fabriken, die ihre Standorte im alten innerstädtischen Bereich aufgaben und mit modernen Produktionsanlagen die neuen Gewerbegebiete in den damaligen Vororten besiedelten. Dies erfolgte zumeist in großem Maßstab, so hatte Riebeck in Reudnitz um die vorvergangene Jahrhundertwende das größte Sudhaus der Welt zu bieten. Leipzigs Nummer zwei, C. W. Naumann, begann das Bierbrauen in der Kleinen Funkenburg, bevor er das Gelände in Plagwitz bezog. Die zu diesem Grundstück führende Straße wurde dann stilecht „Braustraße“ genannt.

Mit den Eingemeindungen im Jahre 1903 gab man ihr mit „Naumburger Straße“ einen Namen mit neuem lokalen Bezug. Auch die Braustraßen in Gohlis und Eutritzsch wurden umbenannt, einzig die Leipziger Braustraße in der Südvorstadt behielt ihren Namen.


Ehemalige Brauerei C. W. Naumann
Nur ein Glas Bier grüßt von der Wand - die Reste des Eiskellers werden in den Wohnpark integriert

Die Umbrüche betrafen nicht allein die Orte, an denen gebraut wurde, sondern auch die Technologie. Bereits zur so genannten Gründerzeit um 1880 verschwanden dutzendweise Brauereibetriebe, die mit ihren veralteten Produktionsanlagen den technischenen Anforderungen der Massenproduktion nicht mehr entsprachen. Die unmittelbaren Nachbarn dürften ihr Ende kaum bedauert haben. Gewinner waren Brauereien industriellen Charakters, die nicht selten unter dem damals stolzen Namen „Dampfbierbrauereien“ die Produktions- und Abfüllprozesse rationalisierten.

Radikale Veränderungen eingeschlossen

Die Konstanz der althergebrachten Zutaten Hopfen, Malz und Wasser täuscht über zahlreiche Veränderungen und Innovationen hinweg. Ergänzend zu Dampfkraft und Mechanik im Produktionsprozess brachten die ab dem späten 19. Jahrhundert eingesetzten Kältemaschinen eine weitgehende Unabhängigkeit von Außentemperaturen und Jahreszeiten. Auch der Trend zu Flaschenbier bewirkte manche Veränderungen für Haushalte und Wirtshäuser.


Ehemalige Brauerei Lützschena
Von der traditionsreichen Sternburg-Brauerei in Lützschena zeugen nur noch Ruinen, hier ein Blick auf das ehemalige Sudhaus

Die Liberalisierung des Biermarktes im 19. Jahrhundert ging auch im mitteldeutschen Raum mit einer zurückgehenden Zahl an Brauereien einher. Der Ausstoß der verbleibenden Betriebe hingegen vergrößerte sich. Eine ähnliche Entwicklung brachten die Umwälzungen im Zuge der untergehenden DDR. Oft ging die Modernisierung mit der Auslöschung der angestammten aber weniger rentabel wirtschaftenden Konkurrenz einher.

Beispiele für solche Nachwendeschicksale sind die Sternburg-Brauerei in Lützschena oder die Hallesche Brauerei Freygang mit ihrer einstigen Stammmarke „Meisterbräu“ aus der Saalestadt. Bei beiden verlief der Weg nach dem Aufkauf ähnlich: Von der Brauerei mit Traditionsmarken degradierte man den Betrieb zur Abfüllanlage und wenig später folgte die komplette Schließung mit Produktionsverlagerung ins Stammhaus.


Ehemalige Brauerei Freygang Halle
Früher repräsentativer Firmensitz, heute leerstehende Fabrikruine am Saale-Ufer: Die Brauerei Freygang in Halle

Aktuell liegt Craft-Beer aus Mini-Brauereien voll im Trend, ebenso lokale Brauereien mit Angeboten jenseits des Mainstreams, die das Bierangebot mit ihrer Vielfalt bereichern. Rein mengenmäßig auf die Produktion bezogen sind die Verhältnisse klar zugunsten der großen Akteure geordnet. Doch das gut eine Prozent Marktanteil der kleinen Brauereien sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass mehr als die Hälfte der Brauereibetriebe in Deutschland sogenannte Mikrobrauereien sind, die im Jahr weniger als 1.000 Hektoliter herstellen.


Ehemalige Brauerei Wilmhelm Rauchfuß
Auch die unweit von Freygang gelegene Wilhelm-Rauchfuß-Brauerei in Halle-Böllberg teilt ein ähnliches Schicksal, seit 1993 ruht der Betrieb

Reste Fahrstuhl
Im funktionslos gewordenen Lagerhaus in Lützschena führt der Zugang zum Fahrstuhl ins Leere

Ruinen Brauerei Lützschena
Die immer noch stolzen Ruinen der Lützschenaer Sternburg-Brauerei lassen vom Billig-Image der gleichnamigen Biermarke nichts ahnen

Lagerhalle Brauerei Lützschena
Der Sommer 1992 brachte das endgültige Aus, seither stehen die Produktionsanlagen als großflächige Freiluft-Galerie leer

Inneres des ehemaligen Sudhauses
Im Inneren des 1928 errichteten Sudhauses sind die einstigen Kesselanlagen noch gut zu erahnen

Bierfilz im Gelände
In seiner Umgebung präsentiert der Bierdeckel ein Stück Firmengeschichte

Abrissfläche Brauerei Lützschena
Bereits Geschichte sind die Gebäude zwischen Sudhaus und Verladerampe

Brandschaden Brauerei Lützschena
Ein Brandschaden im Dezember 2013 hat den Dachstuhl des Werkstatt- und Lagergebäudes großflächig vernichtet

Gelände Brauerei Lützschena
Denkmalgeschützte verfallene Altanlagen neben großflächigem Abriss bestimmen heute das Bild des Geländes in Lützschena-Stahmeln

 Beiträge Auswahl
 Vorheriger Beitrag  |   Nächster Beitrag 

Verwandte Themen

Lebensmittelpunkt Kaffeehaus

Weiteren Lese-Stoff zum Thema liefert der Lebensmittelpunkt Kaffeehaus