Ruinen ohne Weißes Gold


Verlorener Kaolin-Ort Spergau

  INDUSTRIE   16 | 3:35 Min

Der 800-Seelen-Ort Spergau rückte einst als Lagerstätte von Kaolin in den Fokus wirtschaftlicher Interessen. Der globalisierte Markt nach dem Ende der DDR hängte auch den recht modernen Produktionsstandort bei Leuna rasch ab. Seit drei Jahrzehnten bestimmen Wildwuchs und Ruinen das Bild.

Hof des Werkes mit alten Gebäuden für Verwaltung und Produktion in der Frühjahrsvegetation
Teile der alten Verwaltungs- und Produktionsgebäude sind über die Jahrzehnte stehen geblieben

Ende des 19. Jahrhunderts weckte die begehrte weiße Tonerde verstärkte wirtschaftliche Interessen. Auch in der preußischen Provinz Sachsen gab es erkundete Lagerstätten. Die Qualität des Rohstoffs und die Menge der Vorkommen am Standort Spergau erlaubten die Nutzung für die Papier- und Porzellanfabrikation. Auch das Umfeld stimmte: Seit 1846 führte eine Eisenbahnlinie über Spergauer Flur.

So ging dort im Jahr 1883 eine Dampf-Porzellanerde-Schlämmerei in Betrieb. Das nassmechanische Verfahren wählte man, um Quarzsande abzutrennen, anschließend erfolgten Eindickung und Trocknung. Mit der Trocknung in Öfen und im elektrochemischen Osmose-Verfahren ließ sich die Produktion noch einmal effizienter machen.

Südfassade der alten Produktionshalle nach dem Großbrand
Ein Großbrand im Jahr 2023 machte die Reste von Erbslöh & Co. schließlich vollends zur Ruine
Hof am alten Kaolin-Werk, mit Werkstatt, Trafohaus und Verwaltungsgebäude im Wildwuchs
Drei Gebäude-Generationen des Kaolinwerkes nebeneinander, vereint in Wildwuchs und Verfall
Ruine der alten Produktionshalle mit Resten Kran- und Transportanlage
Der Standort in Spergau begann 1883 den Betrieb als Dampf-Porzellanerde-Schlämmerei

Industriestandort wächst

Mit dem massiven Aufschwung der Petrochemie im Mitteldeutschen Chemiedreieck wurde Spergau zu einer bescheidenen Enklave am großen Buna-Werk in Leuna. Derweil lief die Produktion der weißen Erde auf dem vergleichsweise schmalen Areal zwischen der Hallenser und der Leipziger Bahnlinie auch unter Umfirmierungen weiter. Im Jahr 1937 ging die Kaolin- und Sandwerke AG in der Erbslöh & Co. KG der Geisenheimer Kaolinwerke auf. Mit dem Kapitel Erbslöh wurde Spergau zu einer Zweigniederlassung.

Portal der alten Produktionsstätte im Zustand als verlassenes Werkstattgebäude
Der Schriftzug Erbslöh & Co. ist über dem Werkstatteingang noch schwach zu erkennen
Schlämmrinne zur Weiterverarbeitung des Kaolins-in einer Produktionshalle
In Schlämmrinnen begann nach der Aufbereitung die Verarbeitung des in Wasser gelösten Kaolins
Trocknungsanlagen und Teil eines Luftschachtes in einer Produktionshalle
An der Trocknungsanlage halten sich die unvermeidlichen Vandalismusschäden noch in Grenzen
Chaos prägt das Bild in der Ruine der verlassenen Werkstatt
Seit dem Großbrand steht die verfallene Werkstatt in der aslten Produktionshalle ohne Dach
Vandalismus, Verfall und die üblichen Folgeschäden unter dem eingstürzten Werkstattdach
Chaos vom kalten und vom warmen Abriss, noch ehe ein Bagger seine Arbeit begonnen hat
Die Ruinenfront der alten Produktionshalle, gesäumt von jungen Birkenstämmen
Verfall, Teilabriss und wuchernde Natur prägen heute die erhaltenen Gebäude des alten Kaolinwerkes

Investitionen und Weltmarkt

Mit dem Jahr 1949 stand durch die Verstaatlichung eine andere Umstrukturierung an. Nur orientierte man sich am anhaltischen Stammsitz in Salzmünde, mit dem Ende der Ländergliederung in der DDR zum Bezirk Halle gehörend. Im Zuge der Kombinatsbildung wuchs auch der VEB Kaolin- und Tonwerke Salzmünde. Im Werk Spergau arbeiteten mehr als 500 Beschäftigte. Was sich hier von anderen Entwicklungen der DDR-Wirtschaft unterschied, waren umfangreiche Investitionen in Maschinen und Anlagen gegen Ende der 1970er Jahre. Mit diesen Investitionen versprach man sich eine bessere Stellung am Weltmarkt. Genützt hat es Standort und Beschäftigten langfristig nicht, die politische Wende 1989 durchkreuzte die Pläne.

Die rasche Währungsunion würgte auch die Kaolinproduktion in Spergau regelrecht ab. Im Treuhandchaos gingen im September 1992 fünf Betriebsstätten an einen Baustoffhersteller aus Baden-Württemberg. Zusammen mit den Bergbau-Rechten an elf weiteren Orten ließ das den – pro forma – größten privaten Bergbaubetrieb Sachsen-Anhalts entstehen. Doch zahlenmäßige Größe ist gerade im Zeitalter der Globalisierung immer nur relativ und keine sichere Option für einen halbwegs gesicherten Weiterbestand.

Fundamentreste von Transportanlagen im dichten Wildwuchs auf dem Werksgelände
Teile der Anlagen wurden entfernt, ihre Reste wehren sich gegen die Natur
Hochbehälter und Pfeiler der Transportbahn im Wildwuchs hinter einer Produktionshalle
Pfeiler der Transportbahn stehen noch zwischen den Stämmen emporgewachsener Bäume
Mehrere baufällige Schornsteine über der alten Produktionsanlage
Die baufälligen Schornsteine über dem Werk sind nur noch in der vegetationsfreien Zeit sichtbar

Es ging nur noch bergab

Die Zeit danach liest sich heute als Weiterbetrieb auf Verschleiß, gepaart mit unternehmerischem Desinteresse. Entlastend muss festgestellt werden, dass mit den 1990er Jahren eine Globalisierungswelle anlief, die erfolgreiche wie erfolglose Akteure neu bestimmte. Am Ergebnis änderte das nichts, in Spergau passierte nicht mehr viel. Bereits Anfang der 1990er Jahre endete der Kaolinstandort, den Rest bestimmte die übliche Warteschleife aus Stillstand und Verfall. Ein Großbrand im September 2023 zerstörte schließlich weite Teile der leerstehenden alten Produktionsstätte.

Ruine eines Pförtnerhäuschen hinter dichtem Gestrüpp
Einstiger Werksschutz im Tarnmodus: Die Reste vom Pförtnergebäude an der Werksstraße
Werkshof mit Hallen und quer verlaufender Transportbahn
Zwischen den neu gebauten Hallen führen die Anlagen der Transportbahn zur Kaolingrube
Blick über bewachsene Sandflächen zu randvoll gefluteter Kaolingrube
Hier nahm die Geschichte des Weißen Goldes ihren Anfang, die Grube ist heute zum See geworden