Geschichten

Leipziger Berge

Mitunter bergiges Flachland

Es war immerhin der Schriftsteller Jean Paul, der konstatierte: Leipzig ekelt mich an, (...) es ist platt wie seine Umgebungen. Daran lässt sich kaum herumdeuteln, die Stadt liegt im Durchschnitt 118 Meter über Normalnull – nur wenige Stellen weichen nach oben ab.

Blick vom Fockeberg auf Leipzigs Innenstadt
Vom Fockeberg, einem Trümmerhügel des Zweiten Weltkriegs, geht der Blick über die nahegelegene Leipziger Innenstadt

Doch die erfindungsreichen Leipziger und manche Zeitumstände sorgten für Abhilfe. Frühzeitig berühmt geworden ist der berühmte Scherbelberg im Rosental. Wie sein Name erahnen lässt, besteht er aus Haushaltsabfällen (daher Scherben), bis zu einer Höhe von 20 Metern aufgehäuft. Gekrönt wurde er im Jahre 1911 mit der Einweihung eines 11 Meter hohen Aussichtsturmes. Entworfen wurde er immerhin von Stadtbaurat Hugo Licht, der sich bereits mit dem Turm des Neuen Rathauses in einsame Höhen hinauswagte.

13.000 Zentimeter über dem Meer krittelten die zeitgenössischen Lästerzungen oder Edelweiß pflücken verboten. Der hölzerne Rosentalturm ist heute Geschichte, er überstand den Zweiten Weltkrieg nicht. Erst im Jahr 1975 komplettierte man das beliebte Ausflugsziel mit einem neuen Turm, der mit 20 Metern Höhe beinahe doppelt so groß ist wie sein Vorgänger.

Schuttberg wird erobert

Nicht allein der hölzerne Aussichtsturm im Rosental gehört zu den Kriegsverlusten für Leipzig. Mehr als 5,3 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt waren die erschreckende Bilanz nach Kriegsende. Die sogenannte Trümmerbahn, mit der man den Abtransport der zerstörten Bausubstanz organisierte, rollte noch drei Jahre nach Kriegsende auf 32 Kilometern Gleislänge durch Leipzig. Zielorte der Züge waren die Frankfurter Wiesen im Westen und die Bauernwiesen nahe der Fockestraße im Leipziger Süden. Aus der einen Trümmerfläche entstanden wenig später die Wälle des Zentralstadions, die anderen Trümmer blieben nur eine Aufschüttung.

Heute sind sie als Fockeberg zu Bekanntheit und Beliebtheit gelangt. Die brach liegende und von der Natur zurückeroberte Erhebung wurde Anfang der 1980er Jahre für den regulären Besucherverkehr erschlossen, der Eingangsbereich 1994 aufgehübscht. Kultureller Höhepunkt der hochgelegenen Kultstätte war lange Jahre der Prix de Tacot – das alljährliche Seifenkistenrennen. Mit seiner Höhe von 45 Metern bietet der Fockeberg zentrumsnah interessante Ausblicke auf die Stadt und ihr Umfeld. Das vor allem im Winter, wenn der Rundblick weder durch wucherndes Grün noch durch weinflaschenbewehrte Besucherströme getrübt wird.

Berge durch Tagebaue

Als es noch den Bezirk Leipzig gab, konnte man auf den Collmberg bei Oschatz als höchste Erhebung im Bezirk verweisen. Mit stolzen 316 Metern Höhe über Meeresboden bildet er die höchste Erhebung des Nordsächsischen Platten- und Hügellandes. Im Landkreis Leipziger Land ist heute die Hochhalde Trages höchster Berg. Von ihr kann man bei guter Sicht bis zum Erzgebirge blicken. Die Erhebung entstand in den zwanziger Jahren durch sogenannte „Aufhaldung". Mit dem Aufschluss des ersten großen Tagebaus in Espenhain mussten die ausgehobenen Erdmassen an einem entfernteren Ort aufgeschüttet werden, denn bestehende Restlöcher waren beim ersten Tagebau noch nicht nutzbar.

So wuchs die Hochhalde Trages bis über 70 Meter gegenüber ihrer Umgebung an und machte ihrem Namen alle Ehre. Der hinzugekommene Aussichtsturm liefert noch einmal 32 Meter hinzu, sodass am Ende stolze 260 Meter über Normalnull zusammenkommen. Aber auch ein anderer Aussichtsturm erwies sich seit seiner Einweihung zur EXPO 2000 als Besuchermagnet. Von der Bistumshöhe genannten Landspitze am Südostende des ehemaligen Tagebaues Cospuden bietet er eine ausgezeichnete Sicht auf Leipzig und das Neuseenland im Süden der Stadt.


Blick vom Aussichtsturm Bistumshöhe
Blick vom Aussichtsturm Bistumshöhe - Die Tagebaulandschaft sorgte auch für Unebenheiten

Soweit zum Thema Berge in Leipzig. Wie hieß es doch beim Satiriker-Urgestein Joachim Ringelnatz, aufgewachsen im Leipziger Waldstraßenviertel? Die Berge sind so schön, so erhaben! – Aber es gibt hier keine! Damit ist nichts über fehlende alpine Kompetrenz ausgesagt. Bei der sprichwörtlichen Reisefreudigkeit der Sachsen nimmt es deshalb kaum Wunder, dass Hans Meyer, am 6. Oktober 1889 der Erstbesteiger des Kilimandscharo, ein Leipziger war.


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