INDUSTRIE 19 | 3:55 Min
Mitten durch die Saalestadt ziehen sich Bahnanlagen als breiter Gürtel von Süd nach Nord. Mittendrin lag das Reichsbahn-Ausbesserungswerk. Den Inselstatus unterstrich die ständig geschlossene Schranke am Kanenaer Weg. Nach der Werksschließung 1996 entstand dort großflächig Ödland.

Am 6. Mai 2017 um die Mittagsstunde ertönte am Halleschen Hauptbahnhof ein Warnsignal, wenig später fiel der alte Schornstein auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerkes. Wochen später schloss sich der Abriss des markanten Reiterstellwerkes Hp 5 im südlichen Vorfeld des Hauptbahnhofs an. Beide Ereignisse stehen für den radikalen Umbau der Infrastruktur am alten Eisenbahnknoten Halle. Ein Werkstättenkomplex aus der Kaiserzeit und Sicherungstechnik der 1930er Jahre nussten weichen. Kein Platz mehr an diesem Ort und in dieser Zeit.

Wenig bekannte Fakten
Das Gelände des ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerkes gehört zu den größten leerstehenden Industriegeländen der Saalestadt. Mit seiner Gesamtfläche von gut 30.000 m² und den baulich noch vergleichsweise gut erhaltenen Gebäuden ist es ein Lost Place der Superlative. Doch ungeachtet der Größe der Gesamtanlage, der langen Geschichte und mancher Besonderheiten sind heute nur sehr wenige Fakten zum Raw zu finden. Unauffälliges Funktionieren eignet sich kaum für große Geschichten.




Alltag und Sonderarbeiten
Erbaut wurde das Ausbesserungswerk von der damaligen Königlich-Preußischen Staatseisenbahn um das Jahr 1910. 2017 standen noch zehn unteschiedlich große Hallen sowie zahlreiche Nebengebäude auf dem weitläufigen Gelände. Das Ausbesserungswerk firmierte zu DDR-Zeiten als Raw Ernst Thälmann Halle, hatte gut 2.000 Beschäftigte und war eines der Ausbesserungswerke, das für die Instandsetzung von Lokomotiven sorgte. Im Mittelpunkt stand die Aufarbeitung und Reparatur von Rangierloks und Leichttriebwagen. Manche der im Raw Halle ausgeführten Sonderarbeiten sind jedoch bekannter geworden. Neben dem Aussichtsturm im Leipziger Rosental gehört dazu auch die Endmontage der Saxonia, eine (damals) funktionstüchtige Replik der ersten in Deutschland gebauten Dampflokomotive zum großen Eisenbahnjubiläum im Jahre 1989.



Zum 30.06.1996 wurde das Raw Halle offiziell geschlossen. Im gerade neu entstehenden Eisenbahnknoten Halle wie in der Struktur der Deutschen Bahn ist kein Platz mehr für einen solchen Reparaturbetrieb vorgesehen. Auch auf städtischer Seite wartet das weitläufige Gelände zwischen der Stadtmitte und dem östlichen Stadtteil Freiimfelde noch auf Integration in bestehende Strukturen und auf eine sinnvolle Nachnutzung. Ungeachtet mancher Teilberäumungen stehen die Anlagen seit mehr als zwanzig Jahren im Niemandsland.










Als letzte Brachfläche in dieser Größenordnung harrt das ehemalige Raw in Nachbarschaft zu Halles Innenstadt als Zeitinsel aus. Die verständlichen Begehrlichkeiten, das weitläufige Areal zu neuer Nutzung zu entwickeln, sind groß. Doch dem Bebauungsplan Nr. 216 - RAW-Areal stehen von verbliebenen Altlasten bis ausstehenden Zukunftsinvestitionen die üblichen Schwierigkeiten im Weg. Der bereits lang währende Dornröschenschlaf des Areals wird wohl noch weitere Jahre anhalten.