Insel des Verfalls

Industriebrache in Halle

Mitten durch die Saalestadt ziehen sich Bahnanlagen als breiter Gürtel von Süd nach Nord. Den Inselstatus des Ausbesserungswerkes unterstrich die dauergeschlossene Schranke am Kanenaer Weg. Mit der Jahrtausendwende entstand ein großflächiges Ödland.

Kanenaer Weg mit Heizhaus-Esse
Im März 2017 stand am Kanenaer Weg noch die 85 Meter hohe Heizhausesse des ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerkes Halle

Am 6. Mai 2017 um die Mittagsstunde ertönte am halleschen Hauptbahnhof ein Warnsignal, wenig später fiel der 85 Meter hohe Schornstein auf dem Gelände des alten Reichsbahn-Ausbesserungswerkes, kurz „Raw“ genannt. Wenige Wochen später schloss sich der Abriss des markanten Reiterstellwerkes Hp 5 im südlichen Vorfeld des Hauptbahnhofs an. Beide Ereignisse stehen für den radikalen Umbau der Infrastruktur am Eisenbahnknoten Halle, die in ihrer alten Form keinen Platz in der aktuellen Zeit mehr hat.

Beeindruckende Dimensionen - kaum Informationen

Das Gelände des ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerkes gehört zu den größten leerstehenden Industriegeländen der Saalestadt. Mit seiner Gesamtfläche von gut 30.000 m² und den noch bestehenden Gebäuden ist es ein Lost Place der Superlative. Doch ungeachtet der Größe der Gesamtanlage, der langen Geschichte und diverser Alleinstellungsmerkmale sind über die Betriebsstätte selbst in der Internet-Ära nur sehr wenige Fakten zu seiner Geschichte bekannt geworden.

Abbaugeräte
Die Geräte für Abbauarbeiten stehen bereit, in kurzer Frist kann alte Infrastruktur den Anforderungen der Zeit angepasst werden

Arbeitsalltag und Sonderarbeiten

Erbaut wurde das Ausbesserungswerk von der damaligen Königlich-Preußischen Staatseisenbahn um das Jahr 1910. Aktuell sind noch zehn unteschiedlich große Hallen sowie zahlreiche Nebengebäude auf dem weitläufigen Gelände vorhanden. Das Reichsbahn-Ausbesserungswerk Halle firmierte zu DDR-Zeiten als „Raw 'Ernst Thälmann' Halle“, hatte gut 2.000 Beschäftigte und war eines der ein Dutzend Ausbesserungswerke, das für die Instandsetzung von Lokomotiven sorgte. Im Mittelpunkt der Arbeitsaufgaben stand in Halle die Aufarbeitung und Reparatur von Rangierloks und Leichttriebwagen. Manche der im Raw Halle ausgeführten Sonderarbeiten sind jedoch bekannter geworden. Neben dem Aussichtsturm im Leipziger Rosental gehört dazu auch die Endmontage der „Saxonia“, eine Replik der ersten in Deutschland gebauten Dampflokomotive zum großen Eisenbahnjubiläum im Jahre 1988.

Zum 30.06.1996 wurde das Raw Halle offiziell geschlossen. Im gerade neu entstehenden Eisenbahnknoten Halle wie in der Struktur der Deutschen Bahn ist kein Platz mehr für einen solchen Reparaturbetrieb vorgesehen. Der bereits lang währende Dornröschenschlaf wird - bestenfalls - weiter anhalten. Auch auf städtischer Seite wartet das weitläufige Gelände zwischen der Stadtmitte und dem östlichen Stadtteil Freiimfelde noch auf Integration in bestehende Konzepte und auf eine sinnvolle Nachnutzung. Ungeachtet einer Teilberäumung stehen die Anlagen seit mehr als zwanzig Jahren leer.

Die Aufnahmen entstanden im März 2017.

Motorenhalle
Wo einst Motoren und Getriebe instand gesetzt wurden, wächst heute Moos in leerer Halle, Rauchen bleibt selbstverständlich verboten

Sanitätsraum
Der anliegende Sanitätsraum kann sich als Drehort für Gruselschocker bestens empfehlen

Stellwerk Hp 5
Geschichte für den Hauptbahnhof Halle ist mittlerweile auch das markante Stellwerk Hp 5 im südlichen Bahnhofsvorfeld

Außengelände vor der Lokhalle
Blick zur zentralen Lokhalle des Ausbesserungswerkes über die Schmiede und Radsatzwerkstatt

Als lager genutztes Außengelände vor der Lokhalle
Das weitläufige Gelände bietet Platz als Materiallager für die umfangreichen Arbeiten am Bahnknoten Halle

Alter Betriebskonsum
Die einstige Gleisunterführung ist Geschichte: Der alte Betriebskonsum ruht gegenüber dem neuen Dell-Gebäude auf dem ehemaligen Raffinerie-Gelände

Sandstrahlraum Lokhalle
Gähnende Ruhe herrscht auch im Sandstrahlraum am Eingang zur ehemaligen Lokhalle

Nahaufnahme Schild
Auch wenn Schild und Barcode Modernes assoziieren: Die Zeit unter der DB AG wärte hier nur kurz

Übersicht Außenanlagen
Gut 30.000 m² Industriegeschichte warten auf die Umnutzung oder das wahrscheinlichere Ende

Blick in die Lokhalle
Jahrzehntelange Leere bestimmt auch die ehemalige Lokhalle, den Kran lieferte Carl Flohr Berlin im Jahr 1910

Helm an einstiger Lehrwerkstatt
Ein nicht arrangiertes Bild mit Symbolkraft: Hängen gebliebener Helm an der einstigen Lehrwerkstatt

Lehrwerkstatt Raw Halle
Die Gebäude warten in einer langen Zwischenzeit auf eine Zukunft, die wahrscheinlich nicht stattfinden wird

Ehemalige Lehrwerkstatt Raw Halle
Mitunter hat man den Eindruck, dass die Räume erst kurz vorher verlassen worden wären

in der Lehrwerkstatt des Raw Halle
In der ehemaligen Lehrwerkstatt ist kein Feilenkratzen mehr zu hören

Schiebebühne Raw Halle
Die alte Schiebebühne an der Südseite des Geländes konnte sich die Natur mittlerweile zurückerobern

Fassade Raw Halle
Die typisch preußischen Klinkerfassaden der Hallen und Nebengebäude trotzen dem Verfall

Heizkraftwerk Raw Halle
Ähnlich brach liegt auch das nahe gelegene Fernheizwerk Süd, das einst auch das Hotel Stadt Halle am Ernst-Thälmann-Platz versorgte

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