Verlassener Lost Place in XXL


Raw Ernst Thälmann Halle

  INDUSTRIE   19 | 3:55 Min

Mitten durch die Saalestadt ziehen sich Bahnanlagen als breiter Gürtel von Süd nach Nord. Mittendrin lag das Reichsbahn-Ausbesserungswerk. Den Inselstatus unterstrich die ständig geschlossene Schranke am Kanenaer Weg. Nach der Werksschließung 1996 entstand dort großflächig Ödland.

Blick über nasses Kopfsteinpflaster des Kanenaer Weges zum Kraftwerks-Schornstein des Ausbesserungswerkes
Im März 2017 stand am Kanenaer Weg noch der 85 Meter hohe Heizhaus-Schornstein

Am 6. Mai 2017 um die Mittagsstunde ertönte am Halleschen Hauptbahnhof ein Warnsignal, wenig später fiel der alte Schornstein auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerkes. Wochen später schloss sich der Abriss des markanten Reiterstellwerkes Hp 5 im südlichen Vorfeld des Hauptbahnhofs an. Beide Ereignisse stehen für den radikalen Umbau der Infrastruktur am alten Eisenbahnknoten Halle. Ein Werkstättenkomplex aus der Kaiserzeit und Sicherungstechnik der 1930er Jahre nussten weichen. Kein Platz mehr an diesem Ort und in dieser Zeit.

Reiterstellwerk Hp 5 und Nebengebäude warten bei Umbauarbeiten auf ihren Abriss
Geschichte ist mittlerweile auch das Reiterstellwerk Hp 5 im südlichen Bahnhofsvorfeld

Wenig bekannte Fakten

Das Gelände des ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerkes gehört zu den größten leerstehenden Industriegeländen der Saalestadt. Mit seiner Gesamtfläche von gut 30.000 m² und den baulich noch vergleichsweise gut erhaltenen Gebäuden ist es ein Lost Place der Superlative. Doch ungeachtet der Größe der Gesamtanlage, der langen Geschichte und mancher Besonderheiten sind heute nur sehr wenige Fakten zum Raw zu finden. Unauffälliges Funktionieren eignet sich kaum für große Geschichten.

Gelbe Klinkerfassade an der Stirnseite einer verschlossenen Werkhalle
Die typisch preußischen Klinkerfassaden der Hallen und Nebengebäude trotzen noch dem Verfall
Radlader und weitere Großgeräte vom Bahnhofsumbau parken im Hof
Technik für den Umbau des Bahnknotens steht bereit, in kurzer Frist kann Altes schnell verschwinden
Beräumte leere Halle mit Kranbahnen, vereinzelte Pfützen und Moosflächen
Wo Motoren und Getriebe instand gesetzt wurden, wächst heute Moos in leerer Halle
Bahre in feuchter Ecke eines verfallenen Sanitätsraums mit blanken Ziegelwänden
Der anliegende Sanitätsraum kann sich als Drehort für Gruselschocker bestens empfehlen

Alltag und Sonderarbeiten

Erbaut wurde das Ausbesserungswerk von der damaligen Königlich-Preußischen Staatseisenbahn um das Jahr 1910. 2017 standen noch zehn unteschiedlich große Hallen sowie zahlreiche Nebengebäude auf dem weitläufigen Gelände. Das Ausbesserungswerk firmierte zu DDR-Zeiten als Raw Ernst Thälmann Halle, hatte gut 2.000 Beschäftigte und war eines der Ausbesserungswerke, das für die Instandsetzung von Lokomotiven sorgte. Im Mittelpunkt stand die Aufarbeitung und Reparatur von Rangierloks und Leichttriebwagen. Manche der im Raw Halle ausgeführten Sonderarbeiten sind jedoch bekannter geworden. Neben dem Aussichtsturm im Leipziger Rosental gehört dazu auch die Endmontage der Saxonia, eine (damals) funktionstüchtige Replik der ersten in Deutschland gebauten Dampflokomotive zum großen Eisenbahnjubiläum im Jahre 1989.

Blick über das Außengelände des Hofes hinter einzelnen Werkstätten
Blick zur zentralen Lokhalle des Werkes über die Schmiede- und Radsatzwerkstatt
Paletten und Kisten lagern auf einem Innenhof zwischen Werkstattgebäuden
Das weitläufige Gelände bietet Platz als Materiallager für Arbeiten am Bahnknoten Halle
Blick über leeren Hof mit Pfützen zu kleinem Klinker-Häuschen neben Baumgruppe
Der alte Betriebskonsum ruht gegenüber vom Dell-Neubau auf dem Raffinerie-Gelände gegenüber

Zum 30.06.1996 wurde das Raw Halle offiziell geschlossen. Im gerade neu entstehenden Eisenbahnknoten Halle wie in der Struktur der Deutschen Bahn ist kein Platz mehr für einen solchen Reparaturbetrieb vorgesehen. Auch auf städtischer Seite wartet das weitläufige Gelände zwischen der Stadtmitte und dem östlichen Stadtteil Freiimfelde noch auf Integration in bestehende Strukturen und auf eine sinnvolle Nachnutzung. Ungeachtet mancher Teilberäumungen stehen die Anlagen seit mehr als zwanzig Jahren im Niemandsland.

Langgezogener gelber Klinkerraum mit Fensterfront, Rohrleitungen und Pfützen
Verlassenheit herrscht auch im Sandstrahlraum am Eingang zur ehemaligen Lokhalle
Nahaufnahme eine herabhängenden Schildes mit Barcode und großer '21'
Auch wenn der Barcode Modernes assoziiert: Die Zeit unter der DB AG währte hier nur kurz
Blick über leeren Hof mit Hallen, Bunkerbehälter für Sand und dicke Rohrleitung
Gut 30.000 m² Industriegeschichte warten hier auf eine Umnutzung, das Ende oder beides
Blick in beräumte Lokhalle mit Reihen von intakten Oberlichtern im Dach
Gähnende Leere in der besenrein verlassenen Lokhalle, seltener Anblick ohne Vandalismus-Spuren
Vergessener Helm an einer Wand in der ehemaligen Lehrwerkstatt
Ein nicht arrangiertes Bild mit Symbolkraft: Vergessener Helm in der ehemaligen Lehrwerkstatt
Fensterfront in der leeren Lehrwerkstatt mit einzelnen Werkbänken und Regalen
Das bröckelnde Ensemble wartet auf eine andere Zukunft, die noch auf sich warten lässt
Stehen gebliebener Tisch in der Lehrwerkstatt, verstreute Kisten und Werkbänke
Auch hier folgte dem Leerstand der übliche Vandalismus, hielt sich aber deutlich in Grenzen
Blick in leere Werkhalle, einzelne Pfeiler und Trennwände treten aus Dunkel hervor
Ausschnitte vom Ambiente untergegangener Industriekultur in einer Momentaufnahme
Schiebebühne mit maroder Bedachung in wuchernder Natur hinter der Halle
Mit der Schiebebühne verbrachte man die reparierten Rangierloks zu einzelnen Werkstätten
Kranbahn auf hohen Pfeilern am Heizkraftwerk hinter Mauer, Schutt und Wildwuchs
Ein technisches Kleinod in unmittelbarer Nachbarschaft ist das ehemalige Fernheizwerk Süd

Als letzte Brachfläche in dieser Größenordnung harrt das ehemalige Raw in Nachbarschaft zu Halles Innenstadt als Zeitinsel aus. Die verständlichen Begehrlichkeiten, das weitläufige Areal zu neuer Nutzung zu entwickeln, sind groß. Doch dem Bebauungsplan Nr. 216 - RAW-Areal stehen von verbliebenen Altlasten bis ausstehenden Zukunftsinvestitionen die üblichen Schwierigkeiten im Weg. Der bereits lang währende Dornröschenschlaf des Areals wird wohl noch weitere Jahre anhalten.