Kunst, Verfall und Krempel


Ruine als Lost-Place-Galerie

  INDUSTRIE   15 | 4:25 Min

Als eines der letzten großen aus der Zeit gefallenen Objekte präsentiert sich das Kesselhaus vom Industriekraftwerk der einstigen Textilfabrik Stöhr & Co. in Leipzig Plagwitz. Das Haus steht seit Jahren verlassen in der Umgebung von Brachen und Neubauprojekten.

Block einer ehemaligen Kesselanlage als überdimensionales Graffiti-Männchen im Kraftwerk
Das alte Kraftwerk beeindruckt mit einer Mischung aus Technik, Kunstobjekt und Verfall

In der Umgebung innerhalb des Straßenkarrees und unmittelbar gegenüber haben sich bereits seit längerer Zeit dauerhaft neue Nutzer etabliert. In leerstehende Altgebäude zogen Handwerksbetriebe und Dienstleister ein, Supermarktketten errichteten Neubauten, auf dem alte Brauereigelände nebenan entstand ein Wohnpark. Das Kraftwerk verharrt als letzte Insel des Industriezeitalters.

Gebaut für Industrierevier

Das Kraftwerk gehörte lange Jahre zur 1880 gegründeten Kammgarnspinnerei Stöhr & Co. Deren Produktion am modernen Industriestandort Plagwitz nahm rasch Fahrt auf, bald exportierte man von dort bis in die USA. In den 1920er Jahren war die Belegschaft auf mehr als 3.500 Personen angewachsen, die Firma zum größten Leipziger Industriebetrieb geworden.

Außenansicht des Gebäudes mit Bahnanschluss durch Industriegleis P XIV vom Plagwitzer Bahnhof
Zu der Anlage führte ein eigener Anschluss aus dem Labyrinth der Plagwitzer Industriegleise
Verfallener offener Hallenrest im Hof neben dem Kesselhaus
Von den zahlreichen Fabrikhallen auf dem Gelände haben nur wenige Gebäude die Zeiten überdauert

Das Industriekraftwerk selbst erbaute man 1927, der damals moderne Bau löste die kleinen Heizhäuser ab, die vorher zu den einzelnen Fabrikhallen gehörten. Die Lage direkt am Plagwitzer Industriegleis XIV sorgte für den reibungslosen An- und Abtransport von Kohle und Asche.

Der Zweite Weltkrieg ließ vom Stammbetrieb der Kammgarnspinnerei nicht viel übrig. Stöhr & Co. begann bereits 1848 am neuen Standort bei Mönchengladbach die Produktion, der enteignete Leipziger Betrieb wurde etappenweise wieder ans Laufen gebracht. Der Nachfolgebetrieb firmierte als VEB Mitteldeutsche Kammgarnspinnerei und wurde 1969 mit der Leipziger Wollgarnfabrik, vormals Tittel und Krüger, zum Großbetrieb Leipziger Buntgarnwerke zusammengeschlossen. Die Produktion verlegte man Ende der 1960er Jahre schrittweise aus dem alten Standort. Der VEB Leipziger Bekleidungswerke Vestis wiederum nutzte Räume der Kammgarnspinnerei für seine Produktion.

Blick in leere verfallene Eingangshalle für Güterwagen mit Kohle vom Anschlussgleis
Die Eingangshalle präsentiert das übliche Bild von Industrieruine, Müllablagerung und Verfall

Wechsel und Stillstand

Mit den andauernden Improvisationen fanden sich für das vergleichsweise moderne Kraftwerk neue Besitzer und unveränderte Aufgaben. Nachdem bereits das Gelände der Kämmerei 1971 verkauft wurde, kam 1980 auch das Kraftwerk in die Verwaltung des Blechverformungswerkes. Die meisten Veränderungen fanden vor allem auf dem Papier der Verwaltung statt, in der Praxis belieferte das Kraftwerk nach wie vor seine Abnehmer.

Vandalismus und Verfall sind in den Rohrschlangen neben den Kesselanlagen nebeneinander zu finden
Die Halle des Heizhauses hat unter Jahrzehnten des Vandalismus und baulichen Verfalls gelitten
Blick von oben auf Rohre an der verglasten Seitenfront des Kesselhauses im Kraftwerk
Rohrschlangen und Schütttrichter im Kesselhaus, still in Nutzlosigkeit vereint

Die wirtschaftlichen Umbrüche mit der Wende brachten den bestehenden Betrieben das unmittelbare Aus, wenngleich Teile des Standortes von einem Textilunternehmen noch gut zehn Jahre über die Wende hinaus genutzt wurden. Die Stilllegung des Kraftwerks erfolgte im Jahr 1992. Bereits damals war die Immobilie in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, die konkrete Bebauung des Areals ließ jedoch auf sich warten.

Die hohe Halle des Kesselhauses mit dem Treppenlabyrinth beeindrucken
In der hohen Halle beeindruckt ein unübersichtliches Gewirr aus Treppen, Laufstegen und Leitungen
Blick entlang der Laufschiene einer Kranbahn unterhalb der Decke des Kesselhauses
An der Laufschiene der Kranbahn bietet sich ein guter Überblick in luftiger Höhe

Beeindruckende Dimensionen

Fabrikanlagen und Wohnhäuser in unmittelbarer Nachbarschaft waren typisch für das Plagwitzer Industrierevier, bei dessen Entstehung noch kein öffentlicher Massentransport im heutigen Sinne verfügbar war. Diese enge Verflechtung lebte bis zum Ende der DDR, was Plagwitz zu einem der schmutzigsten und unattraktivsten Leipziger Stadtteile werden ließ. Heute gilt der seither vollzogene Stadtumbau als mustergültig. Bleibt zu hoffen, dass die Reste des Kraftwerkes ein wenig mehr als nur Hülle und Staffage für architektonische Beliebigkeit abgeben werden.

Rohrleitungen und Kraftwerksaggregate im Staub unter dem Dach des Kesselhauses
Noch unter dem hohen Dach des Kesselhauses ergeben sich beeindruckende Perspektiven
Blick vom Dach des Kessehauses in den einstigen Aschesumpf als Lagerfläche von Sperrmüll aller Art
Für die flächendeckende Ablagerung von Sperrmüll und Unrat scheint kein Zugang zu eng noch verwinkelt zu sein
Verschiedene rostige Rohrleitungen und Graffiti auf der Südostseite im Kesselhaus des Kraftwerks
Der so genannte Zahn der Zeit hat seine Spuren hinterlassen, Aktivitäten von Besuchern eingeschlossen
Rost und Patina überziehen das Treppenlabyrinth im hohen Kesselhaus des Kraftwerks
Über die stählernen Lauftreppen und Handläufe hat sich still eine Patina aus Staub und Rost gelegt
Graffiti-Männchen als spezielle Besucher im Dachgeschoss des Kesselhauses
Selbst an verborgenen und schlecht zugänglichen Stellen gedeiht künstlerischer Besucher-Andrang
Auch eines der Schüsselkopfmännchen-Graffitis ist an der Ziegelwand des Kraftwerksdachs zu finden
Auch mehrere der markanten Schüsselkopfmännchen fühlen sich im alten Heizhaus heimisch
Blick aus der Eingangshalle über das Anschlussgleis auf Wildwuchs und Verfall im ehemaligen Industrierevier
Ob das unter Denkmalschutz stehende Gebäude mehr als nur die Hülle in die Zukunft einbringt, ist fraglich