Museums-Landschaft

Markante Ruine in Peenemünde

Die Nordspitze der Insel Usedom liefert reichlich Stoff für Mythen und Legenden. Im Zentrum steht dabei die Großraumrakete A4, die 1942 den Beginn der Raumfahrt markierte. Nach der militärischen Nutzung versucht man eine touristische Neubelebung der Gegend.

Sauerstofffabrik Peenemünde
Mitten im Dörfchen Peenemünde steht die Ruine der Sauerstofffabrik II, einer der beiden erhaltenen Großbauten der Heeresversuchsanstalt

Etwa vier Tonnen Sauerstoff verbrannten mit vier Tonnen 75prozentigem Alkohol bei jedem Start einer A4-Rakete. Die Vorgängeranlage reichte für den gestiegenen Bedarf der Heeresversuchsanstalt bald nicht mehr aus. Im Jahr 1942 ging das Sauerstoffwerk II in Betrieb. Die Produktion lief bis Kriegsende, seither steht der rote Klinkerbau als Ruine. Zur Zeit des Baues waren Technologie wie Fabrik europaweit einmalig. Die Sauerstoffherstellung beruhte auf dem Linde-Verfahren, das bei -183 °C Luft in ihre Bestandteile zerlegt und Sauerstoff verflüssigt. Die Anlage errichteten Spezialisten der Firma Messer & Co. aus Griesheim bei Frankfurt. Das Verfahren war sehr energieintensiv, allein 22 der 30 kW des nahen Kraftwerks benötigte die Sauerstofffabrik. Im Dauerbetrieb konnten täglich bis zu 13 Tonnen des Oxydators gewonnen werden.

Architektonische Zitate
Architektonisch nimmt der mehrschiffige unsymmetrische Bau Anleihen an Grundrissen von Kathedralen

Ungewöhnlich war auch das äußere Erscheinungsbild. Der mit dunkelroten Ziegelsteinen verklinkerte Bau war in Eisenbeton-Skelettbauweise ausgeführt. Das Gebäude weist zudem eine sakrale Baustruktur auf. Auffällig ist der fünfschiffige, asymmetrische Grundriss mit neun Jochen, der dem Grundriss einer Basilika entspricht. Auch die Gebäudehöhe von knapp 21 Metern unterstreicht den sakralen Charakter. Die Sauerstofffabrik als auch das Kraftwerk blieben von Luftangriffen verschont, wenngleich von alliierter Seite die Zerstörung der Anlagen geplant war. Nach dem Krieg wurden auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration die technischen Anlagen demontiert und zum Teil in Bützow nahe Güstro bei der Errichtung eines neuen Sauerstoffwerkes weiter verwendet. Anfallendes Baumaterial sollte den Neubauern kostenfrei zur Verfügung gestellt werden.

Ehemalige Lagerräume
Teile des Untergeschosses verwendete man nach dem Krieg als Lager- und Büroräume

Das Gebäude der Sauerstofffabrik war zwar durch Demontage und Sprengungen stark beschädigt, doch ein kompletter Abriss fand nicht statt. Während der Bauarbeiten für die Marinedienststelle im Haupthafen Peenemünde richtete die ausführende Baufirma Lagerräume und ein Büro in der Hülle des Werkes ein. Der Rest des Gebäudes überdauerte als teilgenutzter hohler Zahn die Zeiten. Die dauerhafte Nutzung von Provisorien war in der DDR nichts ungewöhnliches. Im militärischen Sperrgebiet störte sich zudem niemand am Anblick der Halbruine. Neben dem Kraftwerk blieb die Sauerstofffabrik der einzig erhaltene Großbau der umfangreichen Anlagen der ehemaligen Heeresversuchsanstalt.

Zerstörung und Verfall
Ein Blick ins Innere zeigt die Ausmaße von Zerstörung und jahrzehntelangem Verfall

Mit der Auflassung des Militärstandortes Peenemünde kamen ehrgeizige Pläne auf, aber auch wirtschaftliche Schwierigkeiten wurden deutlich. Das Gebäude der Sauerstofffabrik steht unter Denkmalschutz, was zwar seinen generellen Fortbestand sicherte, aber bislang konkrete Sanierungsarbeiten verhinderte. Im Jahr 2013 kaufte die Gemeinde das Gebäude von einem Berliner Unternehmer zurück.

Vegetation im Gebäude
Das stark beschädigte Dach bietet gute Wachstumsbedingungen für die vorrückende Vegetation

Südseite des Gebäudes
Am Anblick der Teilruine dürfte sich im militärischen Sperrgebiet kaum einer gestört haben, heute fürchtet man einen Imageverlust in der Tourismusregion

Ein flächendeckender Umbau zu einem Ferienresort scheiterte für Peenemünde an den Einschränkungen durch die munitionsbelasteten Gelände des Peenemünder Hakens. Angesichts dieser Tatsachen setzt man seit einigen Jahren auf eine sanfte touristische Entwicklung unter Einbeziehung der historischen Entwicklungen. Wichtiger Ankerpunkt ist die Ausstellung zur Geschichte Peenemündes im ehemaligen Kraftwerk. Aus Sicht des Museums und des Denkmalschutzes sind die Reste der Fabrik ein wichtiger Artefakt, bei der Gemeindeverwaltung favorisiert man den Abriss. Allein die Sicherung wird mit zwei Millionen Euro veranschlagt, ein Betrag, der die Möglichkeiten des 300-Seelen-Ortes bei weitem übersteigt. Ob die Sauerstofffabrik zur Denkmal-Landschaft gehören wird, bleibt offen.

Immense Zerstörungen
Allein die notwendigen Sicherungskosten an dem Gebäude sollen sich auf mehr als zwei Millionen Euro belaufen

Spuren der Geschichte
Deutlich sind die Spuren der Geschichte zu sehen, dennoch unterblieb bei der Demontage nach dem Krieg der Totalabriss

Bauzaun am Gebäude
Aufgrund akuter Einsturzgefahr ist die Sauerstofffabrik mit einem Bauzaun versehen worden, die Besucherlöcher ließen aber nicht lange auf sich warten

Historisch-Technisches Museum
Im alten Kraftwerk informiert das Historisch-Technische Museum über die Vergangenheit Peenemündes und versucht, den Tourismus anzukurbeln

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