Raketen, Mythen, Sperrgebiet

Verwerfungen in Peenemünde

Die Nordspitze der Insel Usedom steht für zeitliche Brüche, wie sie radikaler kaum sein können. Technikmythen und mörderische Geschichte finden sich eng verwoben. Über Jahrzehnte war die Mündung des Peenestroms ein geheimnisumwobenes Sperrgebiet.

Schild 'Betreten verboten'
In potenziellen Eingangsbereichen werden halblegale Besucher an immerhin einige tausend Tonnen Bomben-Blindgänger erinnert

Viele Spuren verwischte man gezielt, was den zweifelhaften Nimbus des 25 Quadratkilometer großen Geländes noch weiter beförderte. Die Idee für den Standort auf der Nordspitze der Insel Usedom soll die aus Anklam stammende Mutter des Raketenpioniers Wernher von Braun gehabt haben, deren Vater dort sein Jagdrevier hatte. Für ein abgelegenes großzügig geplantes Testgelände war die Spitze der Ostseeinsel ideal: Eine menschenleere Gegend weitab der frequentierten Bäderorte, kein Durchgangsverkehr und freies Schussfeld über 400 Kilometer nach Osten entlang der pommerschen Küste.

Bahnsteig am Haltepunkt 'Werk Ost'
Bahnsteig am Haltepunkt Werk Ost, hier entstand für das XXL-Projekt der dritte S-Bahn-Betrieb im Deutschen Reich

Gebäude aus den 1970ern
Auch die Rote Armee und die Nationale Volksarmee der DDR wussten den abgelegenen Standort zu schätzen

Im Sommer 1936 begannen die Bauarbeiten, die vom einst beschaulichen Fischerdorf nicht viel übrig ließen. Zeitweise mehr als 4.000 Zwangsarbeiter ließen in den kommenden vier Jahren die umfangreichen Anlagen heranwachsen. Ein Kraftwerk, eine Sauerstofffabrik, riesige Montagehallen, mehr als ein Dutzend Prüfstände und ein eigenes Werkbahnnetz mit über 106 Gleiskilometern Länge zeugen von der Bedeutung der Großanlage. Bis zu 12.000 Personen waren in dem damals weltweit größten Rüstungskomplex tätig. Der Gigantismus der Anlagen war jedoch kein architektonisches Programm, sondern erwuchs aus dem technischen Größenwahn der Planungen, die sich an der drittnächsten Generation der zu entwickelnden Raketen orientierten.

Stacheldrahtzaun um ein Militärobjekt
Durch massive Bombardements eingepflügte Bodenwellen und Stacheldrahtzäune jüngerer Militärobjekte bestimmen das Bild

Hauptaugenmerk galt der Entwicklung von Aggregat 4, später zur „Vergeltungswaffe V2” stilisiert. Gearbeitet wurde mit Hochdruck, Scharen von Zwangsarbeitern und einem großzügigen Budget. Bis zum ersten vollends gelungenen Start am 3. Oktober 1942 steckten eineinhalb Jahrzehnte technologischer Entwicklung in der Rakete. An diesem Tag erreichte der Flugkörper in 85 Kilometern Höhe die Grenzen des Weltraums. Knapp zwei Jahre später war mit 174,6 km die höchste Gipfelhöhe einer A4 und eine enger definierte Grenze des Weltraums erreicht.

Dramaturgische Anleihen nahmen die Raketenforscher dem Mainstream-Kino ihrer Zeit. Die Countdowns der Starts waren von UFA-Legende Fritz Lang entlehnt. In seinem 1929 erschienenen Film „Die Frau im Mond" verwendete er Texttafeln, um dem Stummfilm-Zuschauer die Spannung vor dem Start zu vermitteln. Das Ritual dieses Herunterzählens übernahmen sowohl die USA als auch die UdSSR von den Raketenexperten aus Peenemünde. Ein anderes modernes Medium hinterließ ebenfalls Spuren: Zur Kontrolle der Starts gab es am Prüfstand VII eine von Walter Bruch entwickelte Fernsehübertragungsanlage. Diese gilt als erste Anwendung des industriellen Fernsehens weltweit.

Zerstörte Betonkonstruktion
Nach eigenen Testreihen zerstörte die Rote Armee die Anlagen entsprechend der allierten Vereinbarungen

Reste des Abgasschurre am Prüfstand VII
Die zerstörte Abgasschurre am Prüfstand VII hat sich über Jahrzehnte zum Feuchtbiotop entwickelt

Der wichtigste Startplatz für die A4 war der Prüfstand VII. Wenngleich alle der dort erfolgten 175 Starts nur Versuchszwecken dienten, hat der Nimbus von Pioniergeist und Technikgläubigkeit manche Schrammen. Entwickelt wurde die neue Rakete schließlich nicht als Versuchsträger, sondern als Waffe. Allein bei ihrer Herstellung starben durch unmenschliche Arbeitsbedingungen mehr Personen als bei den wenig effizienten Angriffen. Zurückhaltende Schätzungen gehen von 16.000 Opfern aus. Die alleinige Verbindung zwischen Aggregat 4 und der Heeresversuchsanstalt Peenemünde stellte allein die Mythenbildung her. Von Anfang an testete hier die Luftwaffe auch anderes Gerat, verschiedene Fernlenkwaffen sowie Flugzeuge mit Strahltriebwerken und Hilfsraketen.

Am Prüfstand VII
Vom Prüfstand VII, von dem aus 165 A4-Tests erfolgten, heben sich einige wenige Artefakte noch aus der Natur

Reste des Raketenstartplatzes
Verlassen steht der Fallmantelhydrant, der auf historischen Filmaufnahmen gut erkennbar ist, am ehemaligen Startplatz in der Natur

Aufklärungsfoto von 1943
Das Aufklärungsfoto der Royal Air Force vom 23. Juni 1943 zeigt Prüfstand VII mit Montagehalle (A) und A4-Raketen (B, C) [Quelle: Wikipedia]

Die Versuchsanlagen gerieten bald ins Visier der Royal Air Force. Der unter dem Codenamen „Hydra" geführte erste Großangriff galt als einer der am sorgfältigsten vorbereiteten Luftschläge der RAF. Dennoch verwüstete er im August 1943 aufgrund von Navigationsfehlern vor allem große Teile der Wohnsiedlung und des Zwangsarbeiterlagers Trassenmoor südlich des Geländes. Während man auf britischer Seite den Angriff als erfolgreich einstufte, dauerte die Unterbrechung des Versuchsbetriebes kaum mehr als vier Wochen. Weitere Großangriffe erfolgten ein Jahr darauf und wiederholten sich später nahezu monatlich. Anfang November 1944 war die Heeresversuchsanstalt in Peenemünde soweit zerstört, dass von einem regulärem Versuchsbetrieb keine Rede mehr sein konnte.

Markierungsstein am Raketenstartplatz
Mit dem Markierungsstein am einstigen Raketenstartplatz bemühen sich lokale Vereine, die wenigen Spuren festzuhalten

Reste der Montagehalle
Von der 32 Meter hohen Montagehalle, in der die Raketen komplettiert wurden, blieb nur noch ein gigantischer Schutthaufen übrig

Der letzte Abschuss einer A4-Rakete erfolgte am 14. Februar 1945, zwei Wochen nach dem Evakuierungsbefehl. Am 4. Mai besetzte die Rote Armee weitgehend kampflos Peenemünde. Bombenangriffe und gezielte Zerstörung ließen nur knapp ein Viertel der Anlagen unbeschädigt. Für die Dokumentation durch sowjetische Spezialisten wurde der schwer beschädigte Prüfstand IX vorübergehend wieder hergerichtet. Bis 1948 erfolgte der Abtransport noch verbliebener Einzelteile und Anlagen. Den anschließenden Sprengungsbefehl führte man entsprechend den Vereinbarungen der Alliierten penibel aus.

Gleisrest des Verschiebesystems
Ein noch vorhandener Gleisrest, der zum Verschiebesystem der montierten Raketen am Prüfstand VII gehörte

Das Gelände der Heeresversuchsanstalt, der Hafen und das Flugplatzgelände blieben in militärischer Nutzung durch die Rote Armee, später folgten Seepolizei und Nationale Volksarmee. Das HVA-Gelände selbst nutzte man vor allem als Ort für verschiedene Schießübungen und Bombenabwürfe. Mit der politischen Wende endete am 2. Dezember 1989 schließlich der Status des Sperrgebietes für die Inselspitze. Rund 6.000 Soldaten der NVA waren in Peenemünde und Karlshagen stationiert, mit ihren Familienangehörigen ein erheblicher lokaler Wirtschaftsfaktor.

Peenemünder Militärruinenlandschaft
Ein typischer Landschaftsausschnitt des Peenemünder Geländes mit verbogenem Armierungsstahl, Betonresten und Natur

Träume und Pläne der Nachwendezeit flogen hoch, stürzten aber zumeist an der finanziellen Umsetzung der notwendigen Munitionsberäumung im Vorfeld ebenso schnell ab. Auch das angedachte Projekt eines Weltfriedensparkes scheiterte letztlich an den Kosten der Kampfmittelbeseitigung. Schätzungen zufolge fielen hier mehr als 11.000 Spreng- und 93.000 Brandbomben. Sorge besteht aus der daraus resultierenden hohen Anzahl an Blindgängern, die erfahrungsgemäß bei 10 bis 20 Prozent liegt.

Bunkerreste am Werk Ost
Reste eines Bunkereingangs auf dem Gelände des ehemaligen Werkes Ost der Heeresversuchsanstalt

Bunkerreste aus unterschiedlichen Zeiten
Von der ursprünglichen „Bebauung" ist wenig erhalten geblieben, vieles wurde zerstört, manches neu dazugebaut

Diese Altlasten schützten aber auch vor wuchernden Ferienresorts, Marinas und Golfplätzen. Die Natur holte sich das mehr als 2.000 Quadratmeter umfassende Gelände in großem Stil zurück, gut 130 Arten der roten Liste sind hier im Schatten militärischer Geheimhaltung ansässig geworden. Für die Zukunft will man in Peenemünde auf eine sanfte touristische Nutzung des ehemaligen Sperrgebietes setzen. Dass von der einstigen Heeresversuchsanstalt nicht viel übrig blieb, dürfte indes eher zur Anregung der Phantasie als zu einer Aufklärung beitragen. Mit dem schrittweisen Aufbau einer Denkmallandschaft, Infotafeln und geführten Touren wird seit einiger Zeit an der Entmystifizierung der Orte gearbeitet.

A4-Nachbau im alten Kraftwerk
Im stillgelegten Kraftwerk informiert das Historisch-Technische Museum über die Vergangenheit Peenemündes und die erste funktionsfähige Großrakete

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