TECHNIK 20 | 4:55 Min
Die Loksammlung Falz in Falkenberg, die nie ein Lokfriedhof sein wollte, ist ein besondereer Ort. Dort begegnen sich Natur und Technik, umarmen sich regelrecht. Die Sammlung steht auf besondere Weise zwischen Verfall, Ausstrahlung und Endlichkeit.

Objekte des Stillstands
Dicht hintereinander reihen sich die Loks auf langen Gleisen, wirken monumental und beeindruckend. Man baute sie, um in der Bewegung Raum und Zeit zu überwinden. Heute kann sich keine mehr aus eigener Kraft bewegen. Sie sind Objekte des Stillstands geworden, stehen in ihrem Verfall für eine Vergangenheit. Dicker Stahl ist mit Rost überzogen, Lackschichten lösen sich, Ölreste vertrocknen. Natur legt die verlassene Technik bloß und umarmt sie gleichzeitig in ihrer steten Wiederkehr: Die Vergänglichkeit ist universelles Naturgesetz.



Vom Nutzen entbunden
Natur und Physik haben mit Rost und Verfall die Regie übernommen. Unter der Oberfläche zeigen sich individuelle Spuren. Hier endet die Identität der Lok als bloßes technische Artefakt, als Funktionseinheit. Losgelöst von Nutzen und Verpflichtungen werden sie individuell. Der sichtbare Untergang bekommt persönliche Bezüge und erinnert damit an die Gegenwart der Endlichkeit.


Sinn ohne einen Zweck
Die besondere Aura eines Technikfriedhofs liegt im Schweigen der nutzlos gewordenen Maschinen. Dieses Schweigen spricht lauter als es ihre Arbeitsgeräusche jemals waren. Es verdichtet die Zeit und verknüpft lose Fäden zu einem erlebbaren durchscheinenden Ganzen.

Doch das, was aus der strengen Ordnung von Zweck und Nutzen ausschert, wird zu etwas ganz eigenem. Aus ihrer Funktion entlassen, gewinnen die einzelnen Loks eine Aura, werden zu individuell geprägten Monumenten in der dahinfließenden Zeit.



Versöhnung mit Endlichkeit
Zwischen menschlicher Schöpfungskraft und dem Gang der Natur stehen Friedhöfe nicht außerhalb der Zeit, sondern sind gewissermaßen Gegenorte. Einzelne Bedeutungen und Eigenarten gehen in der Natur verloren, doch mit der Natur bleibt der Trost, dass das Leben weitergeht. Im Verfall der Maschine spiegelt sich auch das eigene Schicksal. Geschieht das ästhetisch und würdevoll, kann es befreiend sein und nimmt die Angst vor der Vergänglichkeit.




Vanitas und Memento Mori
Die Falkenberger Sammlung ist kein Ort des Scheiterns, sondern ein Ort der Transformation. Die Anlage gibt mit ihrer Größe und der sie umgebenden Natur einen passenden Rahmen. In ihm finden auch bekannte Gedanken und Deutungsmuster ihren Platz. Allen voran das Memento Mori: Gedenke des Todes, der eigenen Kleinheit im Universum und der Tatsache, dass du der nächste sein kannst.



Dicht neben dem Memento Mori steht die Vanitas, die Vergänglichkeit der eitlen alltäglichen Welt. Sie erinnert an vergebenes Tun der Ingenieure in ihrer Technikgläubigkeit, vielleicht auch an vergebenes Tun eines Loksammlers. Am Ende steht die Frage, ob man flüchtige Erscheinungen festhalten kann, denn auch die Pixel eines Fotos sind fragil.



Ein Besuch zu den beiden Öffnungstagen erfüllt durchaus Kriterien einer klassischen Wallfahrt, nur ohne religiöse Bezüge. Am Ende ist es aber einer der ehrlichsten Orte, um über unsere Beziehung zu Technik und Vergänglichkeit nachzudenken.