Lokfriedhof im
Kreislauf der Natur


Verfall und Erneuerung vereint

  TECHNIK   20 | 4:55 Min

Die Loksammlung Falz in Falkenberg, die nie ein Lokfriedhof sein wollte, ist ein besondereer Ort. Dort begegnen sich Natur und Technik, umarmen sich regelrecht. Die Sammlung steht auf besondere Weise zwischen Verfall, Ausstrahlung und Endlichkeit.

Blick unter einer Lok hervor auf dahinter stehende ausrangierte Dampflok
Als Monumente des Stillstands stehen die Loks seit Jahrzehnten auf dem weitläufigern Gelände

Objekte des Stillstands

Dicht hintereinander reihen sich die Loks auf langen Gleisen, wirken monumental und beeindruckend. Man baute sie, um in der Bewegung Raum und Zeit zu überwinden. Heute kann sich keine mehr aus eigener Kraft bewegen. Sie sind Objekte des Stillstands geworden, stehen in ihrem Verfall für eine Vergangenheit. Dicker Stahl ist mit Rost überzogen, Lackschichten lösen sich, Ölreste vertrocknen. Natur legt die verlassene Technik bloß und umarmt sie gleichzeitig in ihrer steten Wiederkehr: Die Vergänglichkeit ist universelles Naturgesetz.

Blick durch lange Reihen ausrangierter Dampfloks in der Natur - zwischen den Mauerresten des Kohlelagers
Natur und aufgelassene Betriebsflächen neben den ausrangierten Loks, soweit das Auge reicht
Natur und ausrangierte Dampfloks hinter Mauerrest des ehemaligen Kohlebansens
Die Mischung zwischen Friedhof und Kurpark verleiht dem Ort seinen besonderen Charakter
Blick über Mauerrest auf wachsende Natur und verfallende Technik
Losgelöst von Funktion und Nutzen erinnert der Verfall an die allgegenwärtige Endlichkeit

Vom Nutzen entbunden

Natur und Physik haben mit Rost und Verfall die Regie übernommen. Unter der Oberfläche zeigen sich individuelle Spuren. Hier endet die Identität der Lok als bloßes technische Artefakt, als Funktionseinheit. Losgelöst von Nutzen und Verpflichtungen werden sie individuell. Der sichtbare Untergang bekommt persönliche Bezüge und erinnert damit an die Gegenwart der Endlichkeit.

Hohes blühendes Gras vor den schemenhaften Resten einer ausrangierten Lokomotive
Die wachsende Natur umarmt die verfallende Technik und verleiht den Loks eine ganz besondere Aura
Seitlicher Blick auf ausrangierte Lok, die im emporrankenden Wildwuchs der Natur versinkt
Technik versinkt funktionslos in ihrer Umgebung, doch erhält sie individuelle Bezüge zurück

Sinn ohne einen Zweck

Die besondere Aura eines Technikfriedhofs liegt im Schweigen der nutzlos gewordenen Maschinen. Dieses Schweigen spricht lauter als es ihre Arbeitsgeräusche jemals waren. Es verdichtet die Zeit und verknüpft lose Fäden zu einem erlebbaren durchscheinenden Ganzen.

Rostiger Torso einer ausrangierten Dampflok hinter ermporgewachsenem Birkengrün
Die Loks zeugen von einem Zeitalter und sind gleichzeitig einzelne besondere Artefakte

Doch das, was aus der strengen Ordnung von Zweck und Nutzen ausschert, wird zu etwas ganz eigenem. Aus ihrer Funktion entlassen, gewinnen die einzelnen Loks eine Aura, werden zu individuell geprägten Monumenten in der dahinfließenden Zeit.

Verschiedene verwitterte Anschriften an der Seiternwand eines Führerhausses
Geschriebenes wie ungeschriebenes kann man in den offenliegenden Spuren lesen
Ein Bäumchen ist im Tender einer ausrangierten Lok gewachsen
Mit der emporwachsenden Natur sprießen auch manche Merkwürdigkeiten in die Höhe
Wagen auf Abstellgleis in der Natur, umrankt von wildem Wein und hohem Gras
Den Pflanzen ist es durchaus egal, wo sie wachsen – Auch ein alter Wagen bietet Nischen

Versöhnung mit Endlichkeit

Zwischen menschlicher Schöpfungskraft und dem Gang der Natur stehen Friedhöfe nicht außerhalb der Zeit, sondern sind gewissermaßen Gegenorte. Einzelne Bedeutungen und Eigenarten gehen in der Natur verloren, doch mit der Natur bleibt der Trost, dass das Leben weitergeht. Im Verfall der Maschine spiegelt sich auch das eigene Schicksal. Geschieht das ästhetisch und würdevoll, kann es befreiend sein und nimmt die Angst vor der Vergänglichkeit.

Einzeln stehende ausrangierte Lok vor grüner Wand aus Blättern und Bäumen
Die angrenzende Aue der Schwarzen Elster steht als grüne Kulisse der Natur im Hintergrund
Russischer Wein rankt sich durch die Speichen eines Lokomotivrades
Natur erweist sich immer wieder als einfallsreicher Baumeister, der neuen Sinn stiften kann
Russischer Wein wächst vor einem rostigen Dampfzylinder in die Höhe
Junge Pflanzentriebe über dahinrostendem Stahl als Umarmung der wiederkehrenden Natur
Blaue Lavendelblüten vor rostiger ausrangierter Dampflok im Hintergrund
Natur und Technik sorgen immer wieder für Kontraste, bilden gemeinsam einen Rahmen

Vanitas und Memento Mori

Die Falkenberger Sammlung ist kein Ort des Scheiterns, sondern ein Ort der Transformation. Die Anlage gibt mit ihrer Größe und der sie umgebenden Natur einen passenden Rahmen. In ihm finden auch bekannte Gedanken und Deutungsmuster ihren Platz. Allen voran das Memento Mori: Gedenke des Todes, der eigenen Kleinheit im Universum und der Tatsache, dass du der nächste sein kannst.

Torso einer ausrangierten Lok zwischen sprießendem Grün und verfallenen Mauerresten
Durch die Jahrzehnte sind die Loks auf teilweise recht verschlungenen Wegen hierhin gelangt
Ausrangierte rostige Dampflok, eingerahmt von Blätterdach aus jungem frischen Grün
Es ist kein Museum, sondern ein Ort zu der Beziehung von Technik und Vergänglichkeit
Seitlicher Blick auf Führerhaus einer Lok, beinahe verborgen hinter dichten Blättern
Wahrscheinlich alle Loks wären längst den Weg alten Eisens in den Rohstoffkreislauf gegangen

Dicht neben dem Memento Mori steht die Vanitas, die Vergänglichkeit der eitlen alltäglichen Welt. Sie erinnert an vergebenes Tun der Ingenieure in ihrer Technikgläubigkeit, vielleicht auch an vergebenes Tun eines Loksammlers. Am Ende steht die Frage, ob man flüchtige Erscheinungen festhalten kann, denn auch die Pixel eines Fotos sind fragil.

Verfall und Durcheinander in Führerstand einer ausrangierten Dampflok
Hinter allen sichtbar gebliebenen Spuren stehen Ferne als auch Nähe der Vergangenheit
Pflanzen ranken sich unter einem Führerstand und durch das Fahrwerk einer ausrangierten Lok
Vieles in diesem Wechselspiel von Technik und Natur kann man als vergebliches Tun ansehen
Rückansicht ausrangierter Lok neben zugewachsenen Gebäuden im wachsenden Grün der Natur
Die Falkenberger Loksammlung ibleibt zum Thema Technik und Verfall ein ganz besonderer Ort

Ein Besuch zu den beiden Öffnungstagen erfüllt durchaus Kriterien einer klassischen Wallfahrt, nur ohne religiöse Bezüge. Am Ende ist es aber einer der ehrlichsten Orte, um über unsere Beziehung zu Technik und Vergänglichkeit nachzudenken.