TECHNIK 17 | 3:20 Min
Sie waren die Standard-Straßenbahnen für den gesamten Ostblock. Nach Ablauf der Einsatzfristen kamen sie schubweise aufs Abstellgleis. Kontinuierlich lichteten sich ihre Reihen. Bis zur letzten Fahrt zum Verwerter standen sie teilweise noch zwischen den Zeiten.

Emotional aufgeladen
Irgendwann ist auch für technische Artefakte unausweichlich Schluss. Der Rohstoffkreislauf wartet und fordert seinen technisch begründeten Tribut. Im Falle einer Straßenbahn, die das Ende ihres regulären Betriebseinsatzes erreicht hat, sollte das nüchtern und ohne Emotionen ausfallen. Doch mit der Ablösung der Tatra-Bahnen zeigt das emotionslose Bild manche Risse. Tatras prägten quer durch die DDR über Jahrzehnte sowohl Straßenbild als auch persönlichen Alltag. Für mindestens eine Generation wurden die Fahrzeuge zum Synonym für Straßenbahn schlechthin.



Ikonische Fahrzeuge
Der Ursprung der Tatras liegt in den PCC-Straßenbahnen, einem in den USA entwickeltem Standardtyp aus den 1930er Jahren. Nach dem Krieg gelangten sie durch Lizenzvergaben nach Europa. Die tschechoslowakischen Tatra-Werke in Prag übernahmen ab den 1960er Jahren im Rahmen des RGW die zentrale Produktion von Straßenbahnen für die sozialistischen Länder. Diese Monopolstellung ermöglichte den Produktionsumfang von etwa 14.000 Tatra-Triebwagen über einen Beschaffungszeitraum von mehr als zwanzig Jahren. Das markante Design stammte von dem bekannten Industrie-Designer František Kardaus.











Totgesagte leben länger ...
Die Fahrzeuge der letzten Lieferjahre brachte man mit unterschiedlichen Modernisierungen in den 1990er Jahren auf den aktuellen Stand der Technik. Doch ob Leipzig, Halle oder Dresden: Probleme bei der Neubeschaffung von Straßenbahnen, klamme Kassen und Reparaturstaus an der Infrastruktur zögerten das Tatra-Ende immer wieder hinaus. In Leipzig feierte man mit der letzten Hauptuntersuchung eines Tatra bereits im Januar 2010 das nahende Einsatzende. Vierzehn Jahre später sind es immer noch rund 30 Fahrzeuge, die regelmäßig zum Einsatz kommen. Es ist nicht die einzige Fehlstelle im hochgelobten wie schöngerechneten System des Öffentlichen Nahverkehrs. So manches Nadelöhr der Infrastruktur besteht seit den Zeiten der Pferdestraßenbahn – und wird es wohl noch eine ganze Zeit bleiben ...

