WEGE & PFADE   14 | 4:30 Min

Betriebswerk ohne Eisenbahn

Historischer Kopfbahnhof in Sackgasse

Jahrzehntelang trotzte der Bayerische Bahnhof in Leipzig der Konkurrenz durch den Hauptbahnhof. Das Ende kam mit der Wende, im Juni 2001 folgte der totale Schnitt. Der neue City-Tunnel nahm dem ältesten erhaltenen Kopfbahnhof Deutschlands sogar den Gleisanschluss.

Lokschuppen 2011
Im Jahre 2011 präsentierte sich das Heizhaus I wenigstens in Rückansicht noch weitgehend komplett
Ruinen Werkstätten
Altgebäude von Lokschuppen, Schmiede und Wagenhalle, später Teil einer Konservenfabrik

Der 1842 eröffnete Bayerische Bahnhof in Leipzig blieb mit seinen Anlagen auch nach der Inbetriebnahme des Hauptbahnhofes im Jahr 1915 bestehen. Städteplaner störten sich an den Gleisanlagen in der Stadt, den Nazis missfiel er als Symbol der schlechten alten Zeit. Bei allem Für und Wider entschied letzten Endes das hohe Verkehrsaufkommen über seinen Weiterbestand. Neben seiner Rolle als Entlastungsbahnhof in Richtung Süden sorgten Anrainer wie Großmarkthalle, Bahnkraftwerk, Gasanstalt und Schlachthof für ein hohes Frachtaufkommen. Die in den 1920er Jahren in großem Stil gewachsene Braunkohleindustrie im unmittelbaren Südraum sorgte für reichlich Pendlerverkehr. Den zweiten Weltkrieg überstand der Bahnhof mit einigen Blessuren. Die Empfangshalle des Bahnhofs und das Heizhaus 2 im Bahnbetriebswerk wurden bei Luftangriffen zerstört und zeitnah abgerissen.

Zerstörtes Scheibenwärterhaus
Die Reste des Wärterhäuschens der Drehscheibe verharren im Niemandsland zwischen Gestern und Heute
Grün im Lokschuppen
Bereits seit Jahrzehnten war der alte Lokschuppen eine mehr oder minder improvisierte Abstellfläche

Auf und Ab durch Jahrzehnte

Das noch heute als Ruine erhaltene Heizhaus 1 stammt aus der letzten Ausbaustufe der Bahnanlagen um 1895. Gebaut wurde es mit anfangs 10, später 20 Schuppenständen und einer 20-Meter-Drehscheibe. Das Bahnbetriebswerk Bayerischer Bahnhof war zuständig für Personen- und Güterzugleistungen Richtung Süden sowie umfangreiche Rangierdienste vor Ort und im Bahnhof Gaschwitz. Das Bw wurde 1964 als selbstständige Dienststelle aufgelöst und als Einsatzstelle dem Bw Leipzig West zugeordnet. Zunächst zog man hier die im Güterzugdienst eingesetzten E-Loks zusammen. Mit dem Ausbau der neuen Einsatzstelle Stötteritz gab man schließlich 1970 das Bw Bayerischer Bahnhof komplett auf, der Standort diente fortan dem Gleisbaubetrieb Naumburg zur Unterhaltung seiner Baumaschinen.

Innenansicht Lokschuppen
Der Leerstand hat inzwischen seine Spuren hinterlassen, das Gebäude soll aber erhalten bleiben
Graffities und Verfall
In der Abendsonne liegen vielfältige Spuren der vergangenen Jahrzehnte offen an den Wänden
Graffiti an Tor
Das ehemalige Heizhaus steht aktuell zwischen alter und neuer Nutzung – Abstriche vorbehalten

Absturz mit der Wende

Auch durch die Zeit der DDR kam der Bayerische Bahnhof trotz mancher Abstriche recht unbeschadet. Ende der 1970er Jahre kamen Pläne in die Öffentlichkeit, die historischen Bahnhofsgebäude als Verkehrsmuseum umzunutzen. Im Gespräch waren eine neue Fahrzeughalle am historischen Ort, Ausstellungsräume sowie ein Museumsgleis mit regelmäßigem Fahrbetrieb in Richtung Messegelände. Für konkrete Planungen wie schöne Visionen zog die politische Wende einen Schlussstrich. Das endgültige Aus nach raschem Niedergang kam mit den Arbeiten am City-Tunnel und dem neuen Mitteldeutschen S-Bahn-Netz. Heute existiert der pro forma älteste Kopfbahnhof Deutschlands nur noch als verstreutes Gebäudeensemble ohne Gleisanschluss. Der sanierte historische Portikus steht verbaut hinter der Bunkerarchitektur des tiefergelegten Haltepunktes. In den Bahnhofsgebäuden hat sich die Nachwendegründung der Gosebrauerei Bayerischer Bahnhof etabliert. Gebäude der ersten Werkstattanlagen warten als Lost Place einer Konservenfabrik seit Jahren auf ihren Abriss. Das ehemalige Heizhaus I steht im Niemandsland zwischen dem Areal der Media-City und der Alten Messe zwischen den Zeiten.

Blick über Drehscheibe
Wie gestrandet liegt die nutzlos gewordene Anlage, die Verkehrsströme fließen nur noch vorbei
Lokschuppen in Natur
Zwischenzeitlich versank das ungenutzte Heizhaus bereits einmal in dichter Vegetation
Arbeitsgrube im Lokschuppen
Im Inneren vereint die Patina aus Natur, Graffiti, Bauschutt und Müll die verstreuten Elemente
Blick zum Heizkraftwerk
Der Kraftwerks-Schornstein ist inzwischen Geschichte, das Panometer nach wie vor Touristen-Dauerbrenner
Lost Place im Panorama
Das ehemalige Heizhaus gehört zu einem Sanierungsgebiet, seine konkrete Nutzung ist noch offen

Heute gehören die Reste des ehemaligen Bahnbetriebswerks Bayerischer Bahnhof zum Entwicklungsgebiet um die Kohlrabizirkus genannte ehemalige Großmarkthalle. Im Bebauungsplan ist von Kultur-, Kreativ- und Sportnutzungen die Rede. Eingerahmt mit dem üblichen Blabla um straßenraumbildende Baumpflanzungen, Frei- und Grünraumkonzepte sowie natürlich Bürgerbeteiligung. Auf konkretere Zuordnungen wollte sich seitens der Stadtverwaltung bislang noch niemand einlassen.

Brachfläche des Bahnhofs
Mit der Brachfläche des vergangenen Bahnhofs entstand begehrtes Bauland in bester City-Lage
Portikus Bayerischer Platz
Historisierendes Stückwerk inmitten Bunkerarchitektur – Der S-Bahn-Haltepunkt Bayerischer Bahnhof

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