Geheimer Aerodrom im Eichwald


Vom Fliegerhorst zur Geisterstadt

  MILITARIA   17 | 4:50 Min

Auf die Abgeschiedenheit des Standortes wurde zu allen Zeiten großer Wert gelegt. Am Anfang waren es geheime Rüstungsprojekte der Luftwaffe, dann ein besonderer Standort der Roten Armee. Heute ist es eine Geisterstadt, die nach dem Willen mancher Lokalpolitiker längst verschwunden wäre.

Die Ruine des Towers in Schneise der Wintervegetation
Der Tower des Flugplatzes ist nur noch ein wesenloses Skelett im Wildwuchs des Geländes

Die Anfänge des Militärstandortes Waldpolenz – eine 500-Seelen-Gemeinde im heutigen Muldentalkreis – reichen bis in die Jahre 1934/35 zurück. Das flache und dünn besiedelte Land zwischen den Orten Brandis, Zeititz, Leulitz und Polenz lag in mehrerer Hinsicht günstig. Die Mitteldeutschen Motorenwerke produzierten nicht weit entfernt bei Taucha, für die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke aus Dessau wurde der Fliegerhorst zum Erprobungsstandort. Mit dem Luftpark Delitzsch, dem der Platz zeitweise zugeordnet war, bestand eine weitere Schnittstelle zu Rüstungsindustrie und Instandhaltung.

Geheim und abgelegen

Strahltriebwerke, Raketenantriebe, Nurflügler-Konstruktionen: Was heute unter Hightech verortet wird, stand damals im Entwicklungs- und Probebetrieb. In Waldpolenz erfolgte die Erprobung neuer Strahltriebwerke, der Bomber Ju 287 mit den nach vorn gepfeilten Tragflächen absolvierte Testflüge. Auch die kreisförmigen Nurflügler des Tüftlers Arthur Sack aus dem nahen Machern unternahmen auf dem Fliegerhorst ihre Startversuche. Neben verschiedenen Jagd- und Kampfgeschwadern war ab Sommer 1944 das Me-163-Jagdgeschwader 400 in Waldpolenz stationiert. Zeitgleich entstanden auf dem Gelände Hallen als Unterstand und zur Tragflächenmontage des Raketenjägers. Andere Planungen, wie der Bau einer zweiten Start- und Landebahn, konnten nicht mehr realisiert werden.

Befestigter Waldweg mit Blick auf die Ruinen von mehreren Kasernengebäuden
Der alte Wirtschaftsweg heißt nun Adlerallee, er gibt jedoch kaum Anlass für Höhenflüge
Verfallenes Gebäude einer Luftwaffen-Kaserne neben Eichenbäumen
Die erste bauliche Ausstattung des Fliegerhorstes erfolgte mit genormten Kasernenbauten
Blick aus leerer Fensteröffnung im Obergeschoss auf weiteres Kasernengebäude im Wald
Die Bauten der Deutschen Luftwaffe nehmen nur einen kleinen Teil der Anlage ein

Am 16. April 1945 nahmen Einheiten der US-Armee den Fliegerhorst ein. In der kurzen Zwischenzeit der amerikanischen Verwaltung nutzte man das weitläufige Gelände als Repatriierungslager für befreite alliierte Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Besatzung und Militärverwaltung wechselten am 2. Juli 1945, den Standort Waldpolenz übernahm die Rote Armee. Stationiert wurde zunächst eine Panzereinheit der 1. Garde-Panzerarmee.

Laderasmpe des vergitterten Güterschuppens der Anschlussbahn
Der Flugplatz verfügte über einen Gleisanschluss zur nahen Bahnstrecke Beucha - Trebsen
Verwachsener Eingang zu einem der erhaltenen Trafo-Bunker im Gestrüpp
Ein Bunker zur Energieversorgung hat die Abriss- und Rückbauaktionen überstanden
Leere Halle der Kraftfahrzeug-Werkstatt mit Betonträgern und Schattenspiel
Fahrzeuge konnten am Standort in einer eigenen Werkstatt gewartet und repariert werden
Blick durch Wildwuchs auf Betonskelett einer Hallenruine vor Loch unter brüchigen Betonplatten
Ruinen von Hallen und teilweise zerstörte Unterstände im Wildwuchs am einstigen Garagenhof
Leerstehende Plattenbauten für Offiziere und deren Angehörige hinter Wildwuchs
Fünf Plattenbau-Blöcke sind nach den Abrissaktionen von 2014 noch im Gelände vorhanden

Fliegerhorst als Aerodrom

Was deutsche Sprengkommandos zu Kriegsende nicht mehr schaffen konnten, sollte entsprechend alliierter Abkommen geschliffen werden. Doch Kalter Krieg und Pragmatismus ließen es anders kommen. Die amerikanischen Atombomben-Doktrinen und der heraufziehende Korea-Krieg sorgten für den Weiterbestand des Fliegerstandortes Waldpolenz. Im Zeichen des geflügelten Propellers der sowjetischen Luftwaffe war bereits ab Oktober 1948 eine Nachtjäger-Schwadron stationiert. Waldpolenz wurde bald zum Schulungs-, Test- und Ausweichflugplatz für strahlgetriebene Jagdflugzeuge.

Im August 1951 sorgte eine Bruchlandung im nahen Trebsen für heftigen Wirbel. Allein der Staub auf dem Feld des Muldestädtchens hatte sich bald gelegt. Doch die Welle der Aufmerksamkeit um das Fluggerät MIG-15 – in Zeiten des Kalten Krieges von einiger Brisanz – aktivierte Informanten-Netzwerke und schwappte bis über den großen Teich. Über den Aerodrom Brandis drang ansonsten über Jahrzehnte nur wenig an die Öffentlichkeit. Die Anwohner lebten im Wochen- und Stundentakt mit dem Lärm von Kampfjets und Hubschrauber-Formationen. Mehr wusste man nicht. Passend dazu das geheime Rufzeichen des Flugplatzes: ЗАПАЙКА - Irgendetwas.

In den 1960er und 1970er Jahren baute man technische Anlagen und Infrastruktur kontinuierlich aus. Zur Einschränkung von Beobachtungsmöglichkeiten kürzte man auch den Turm der alten Waldpolenzer Dorfkirche. Der Standort erreichte mit 5.000 Soldaten und Angehörigen die Größe einer Kleinstadt. Im armeeüblichen Rotationsprinzip waren Schlachtflieger- und Kampfhubschrauber-Einheiten stationiert. Als am 30. Juli 1992 die nunmehr russischen Streitkräfte vom Aerodrom Brandis abzogen, endete nach 47 Jahren die längste Etappe des Militär-Standortes. Als nunmehr ziviler Flugplatz blieb Waldpolenz der fliegerischen Infrastruktur zunächst erhalten.

Die verlassene und verfallene Flugzeughalle 6 Flugzeughalle mit Graffiti-Schriftzug
Selbst ein ehemaliger Hangar der Luftwaffe wirkt im weiten Brachland des Objektes unauffällig
Seitenraum einer Halle mit Betonbruch im Sonnenschein unter zwei großen Fensteröffnungen
Die langen Strahlen der Frühlingssonne tauchen die alte Werfthalle in ein mildes Licht
Betonbruch und Bauschutt in der weiten Halle eines ruinösen Hangars
Vermeintliche Aufräumaktionen haben an den verlassenen Gebäuden ihre Spuren hinterlassen
Herumliegender Feuerlöscher in eeiner leeren Flugzeughalle
In der abgelegenen Halle 6 ist die übliche Mischung aus Verfall und Vandalismus zu finden
Blick auf Ruine von Hangar 6 im Brachland hinter Wildwuchs und Schotterbergen
Bei Aufräum- und Abrissaktionen im Jahr 2014 entfernte man einige der technischen Gebäude

Flächen für Energiepark

Unter dem ICAO-Code EDBN machte der Airport Brandis-Waldpolenz im Jahr 2005 nach kurzer ziviler Nutzung dicht. Doch das abgelegene Brachland hatte ein Investor für sich entdeckt. Auf 142 Hektar Fläche entstand um die Start- und Landebahn eine großflächige Photovoltaik-Anlage. Zur Fertigstellung 2009 gehörte sie zu den größten Solarparks in Deutschland. Eine Biogas-Anlage folgte 2013.

Die Überbleibsel von Sowjetarmee und deutscher Luftwaffe passten der Kommune als Eigentümer nicht so recht in das moderne Energiepark-Ambiente. Nach punktuellen Aufräumaktionen durch Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen rollte im Sommer 2014 eine Abrisswelle an, die Teile der Wohnhäuser, Kasernen sowie die Kommandantenvilla platt machte. Das wiederum rief den Denkmalschutz auf den Plan, der weitere Abrissarbeiten unterband. Für das Jahr 2024 stehen Genehmigungen für eine Windkraft-Anlage an, die den ambitionierten Energiepark Waldpolenz komplett machen soll. Die Kommune sieht das Engagement des potenziellen Investors im Gegensatz zu einer Bürgerinitiative positiv und hofft auf die Möglichkeit, noch mitzureden. Denn ab 2027 kann die Ansiedlung pseudosauberer Energie per Dekret von ganz oben durchgesetzt werden. Damit würde sich ein anderer Kreis schließen: Begonnen hatte der Standort Waldpolenz als Blindflugschule.

Gut erhaltene Torfront zu einem ehemaligen Munitionsbunker in ziviler Nutzung
Pragmatische Lösung für gut gelegenen Munitionsbunker: Er fand eine zivile Nachnutzung
Blick aus einer leeren Fensteröffnung auf Hof mit kahler Eiche im Kasernengelände
Aus spontanem Wildwuchs ist quer über das Gelände ein Eichwald herangewachsen
Straße am Rollfeld mit Behälterkuppeln einer Biogasanlage hinter Zaun zum Photovoltaik-Park
Der ehemalige Fliegerhorst ist Standort für Photovoltaik und Biogas, auch ein Windpark ist angedroht