ANGEHEFTET 19 | 4:50 Min
Im Kreislauf des Jahres steht der Sommer für das Wachsen, Gedeihen und Heranreifen. Alle vier Jahreszeiten und ihr Wechsel bilden den unerbittlichen Lauf der Zeit, die statistischen Daten sind bekannt. Mit den verlassen Orten macht sich ausgerechnet der Sommer zum Komplizen.


Komplize der verlorenen Orte
Im Sommer übernimmt die Natur die nahezu vollständige Kontrolle über ungeschützte Orte. So nimmt es auch nicht Wunder, dass Botaniker von Ruinen-Vegetation oder biologischer Überformung des Sommers sprechen. Nicht wenige Objekte macht das dichte Blätterdach der Sommermonate unsichtbar, das hohe Gras bewirkt auf der anderen Seite eine ähnliche Wirkung. Das Ganze ist nicht ohne Tücke: Die Vegetation verdeckt auch manche Stolperfallen oder gefährlichere Hindernisse.


Zweischneidige Angelegenheiten
Doch das Komplizentum erweist sich als zweischneidige Angelegenheit. Der dichte Wuchs schützt vor den neugierigen Blicken von außen, verbirgt den Ort vor der penetranten Fraktion der Nur-mal-Gucker, die auch noch den letzten Winkel durchkriechen müssen. Auf die Dauer betrachtet verkehrt sich die Schutzfunktion aber ins Gegenteil: Das Wachstum von Baumwurzeln übt massiven Druck auf Fundamente oder Mauern aus. Zum einen suchen sich feine Wurzeln ihre folgenreichen Wege, zum anderen können ausgewachsene Bäume durch Wasserentzug im Boden zu ernsten Setzungsrissen in Gebäuden führen. Auch grüne Fassaden können durch chemische Reaktionen zu Schäden am Mauerwerk führen.



Ahnen aus Griechenland
Jahreszeiten und Kreisläufe haben eine lange Geschichte. Helios, Apollon, Demeter und Poseidon sind mit ihrem Patronat über Sonne, Licht und Fruchtbarkeit eng mit dem Sommer verbunden. Doch auch Kreisläufe und Wiederkehr fanden ihren Niederschlag. In der griechischen Mythologie waren es die drei Horen, die die kosmische Ordnung und die Jahreszeiten überwachten. Verwandt waren die Horen mit den drei Moiren, jenen dunklen Kräften, die den Lebensfaden zuteilen, spinnen und auch wieder trennen. Beider Dreizahl fußt auf den landwirtschaftlichen Zyklen, die nach Frühling, Sommer und Herbst pausierten.



Wandel mit der Zeit
Mit den Neuzeit wandelte sich die Symbolik der Jahreszeiten radikal. An die Stelle der landwirtschaftlichen Zyklen rückte das Innere des Menschen mit seinen Befindlichkeiten. Im Mittelpunkt standen bald vier Lebensalter mit ihrer Symbolik, ergänzt vom Vanitas-Motiv des Barockzeitalters, das die Vergänglichkeit in den Mittelpunkt der Zyklen rückte. In der Moderne setzte sich dieser Gang fort, um sich über Allegorien und Symboliken psychologischen Zuständen zu nähern. Bei Edvard Munch schließlich wird der Jahreszeiten-Zyklus zum Angst- und Lebensraum existenzieller Vergänglichkeit.




Experten und Götter
Mit der 1948 festgelegten SI-Einheit h für Stunde gelangten die Horen der alten Griechen durch die Hintertür zu den Naturwissenschaften. Diese fand auch heraus, dass das Sonnenlicht die Produktion des Glückshormons Serotonin steigert. Andere Studien wollen nachgewiesen haben, dass Sonnenlicht bei Männern appetitanregend wirke. Bei Frauen wiederum soll das Sexualhormon Östrogen diese Hormon-Ausschüttung verhindern ...




Bliebe noch die leidige Sommerzeit. Seit ihrer Einführung am 30. April 1916 im Deutschen Kaiserreich und in Österreich-Ungarn sorgt sie für Kontroversen. Dessen ungeachtet beginnt sie heutzutage am letzten Sonntag im März um 2.00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit (MEZ), um am letzten Sonntag im Oktober um 3.00 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ) zu enden. Auch so ein Zeitbruch, noch dazu ein sehr haltbarer.
