Über alles wächst jetzt Gras ...


Lost Places unterm Sommergrün

  ANGEHEFTET   19 | 4:50 Min

Im Kreislauf des Jahres steht der Sommer für das Wachsen, Gedeihen und Heranreifen. Alle vier Jahreszeiten und ihr Wechsel bilden den unerbittlichen Lauf der Zeit, die statistischen Daten sind bekannt. Mit den verlassen Orten macht sich ausgerechnet der Sommer zum Komplizen.

Ein bis auf das Stahlskelett verfallenes Gewächshaus wird durch die Natur überwuchert
Im Sommer wechselte die Natur an einer Gewächshausruine kurzerhand die Seiten
Schmaler ^sichtbarer Teil eines Betonbogens hinter der Vegetation eines verwilderten Flugplatzes
Der Shelter eines verlassenen Flugplatzes nutzt die zusätzliche Tarnung durch die Vegetation

Komplize der verlorenen Orte

Im Sommer übernimmt die Natur die nahezu vollständige Kontrolle über ungeschützte Orte. So nimmt es auch nicht Wunder, dass Botaniker von Ruinen-Vegetation oder biologischer Überformung des Sommers sprechen. Nicht wenige Objekte macht das dichte Blätterdach der Sommermonate unsichtbar, das hohe Gras bewirkt auf der anderen Seite eine ähnliche Wirkung. Das Ganze ist nicht ohne Tücke: Die Vegetation verdeckt auch manche Stolperfallen oder gefährlichere Hindernisse.

Wuchernde Vegetation um einen Plattenweg durch ein Kasernengelände, ein versunkenes Gebäude ist noch auszumachen
Adlerallee im Blätterwald: Die Grünflächen kann man nicht betreten, sie sind zu dicht bewachsen
Überwucherter Hügel unter hohem Blätterdach mit bemoosten Ziegeln eines schmalen Eingangs
Auch der unauffällige Bunkereingang versinkt ein Stückchen tiefer im Sommertarn der Umgebung

Zweischneidige Angelegenheiten

Doch das Komplizentum erweist sich als zweischneidige Angelegenheit. Der dichte Wuchs schützt vor den neugierigen Blicken von außen, verbirgt den Ort vor der penetranten Fraktion der Nur-mal-Gucker, die auch noch den letzten Winkel durchkriechen müssen. Auf die Dauer betrachtet verkehrt sich die Schutzfunktion aber ins Gegenteil: Das Wachstum von Baumwurzeln übt massiven Druck auf Fundamente oder Mauern aus. Zum einen suchen sich feine Wurzeln ihre folgenreichen Wege, zum anderen können ausgewachsene Bäume durch Wasserentzug im Boden zu ernsten Setzungsrissen in Gebäuden führen. Auch grüne Fassaden können durch chemische Reaktionen zu Schäden am Mauerwerk führen.

Blick durch Vegetation auf ersten Stock eines grauen ehemaligen Wohnhauses
Bei aller Geheimhaltung der Sowjetarmee entstand der Wildwuchs erst nach ihrem Abzug
Ruine eines kleineren Hauses, die kaum noch in der Vegetation zu sehen ist
Die Hausruine ist fast unsichtbar, doch auch die Natur trägt zu der Zerstörung bei
In der Vegatation versunkene Ruine eines Stallgebäude
So geheim und getarnt stand das Stallgebäude nicht einmal zu den Zeiten der Roten Armee

Ahnen aus Griechenland

Jahreszeiten und Kreisläufe haben eine lange Geschichte. Helios, Apollon, Demeter und Poseidon sind mit ihrem Patronat über Sonne, Licht und Fruchtbarkeit eng mit dem Sommer verbunden. Doch auch Kreisläufe und Wiederkehr fanden ihren Niederschlag. In der griechischen Mythologie waren es die drei Horen, die die kosmische Ordnung und die Jahreszeiten überwachten. Verwandt waren die Horen mit den drei Moiren, jenen dunklen Kräften, die den Lebensfaden zuteilen, spinnen und auch wieder trennen. Beider Dreizahl fußt auf den landwirtschaftlichen Zyklen, die nach Frühling, Sommer und Herbst pausierten.

Behälter eines aufgelassenen Tanklagers, die gerade noch aus der Vegetation schauen
Die Reste eines Tanklagers der Mineralölwerke Lützkendorf hüllt die Sommervegetation ein
Treppengeländer vor grüner Blätterwand beim Blick über Hof mit Tankbehältern
Auch von oben kann man weitere Tankbehälter nur noch knapp hinterm Grün entdecken
Blick über ein verlassenes Gelände mit Fabriken, eingebettet in wucherndes Grün
Selbst eine weiträumige Industriebrache vermag das Sommergrün sanft zuzudecken

Wandel mit der Zeit

Mit den Neuzeit wandelte sich die Symbolik der Jahreszeiten radikal. An die Stelle der landwirtschaftlichen Zyklen rückte das Innere des Menschen mit seinen Befindlichkeiten. Im Mittelpunkt standen bald vier Lebensalter mit ihrer Symbolik, ergänzt vom Vanitas-Motiv des Barockzeitalters, das die Vergänglichkeit in den Mittelpunkt der Zyklen rückte. In der Moderne setzte sich dieser Gang fort, um sich über Allegorien und Symboliken psychologischen Zuständen zu nähern. Bei Edvard Munch schließlich wird der Jahreszeiten-Zyklus zum Angst- und Lebensraum existenzieller Vergänglichkeit.

Teil der Gleisanlage einer Eisenbahnbrücke hinter Baumwipfeln
In den Tarnmodus hat es auch die 17 m hohe Konstruktion der Fuchsbrunnbrücke geschafft
Grasbewachsene Gleise, die Bahnhofsgebäude unsichtbar hinter einer grünen Wand
Der ehemalige Bahnhof Wolkenburg versank eine zeitlang nahezu komplett in der Umgebung
Unkenntliches gelbes Eisenbahnfahrzeug hinter hohen Büschen und Bäumen
Knapp zwanzig ausgemusterte Fahrzeuge stehen fast unsichtbar auf dem alten Umladebahnhof
Alter Lokkessel, abgestellt im Wildwuchs als Arbeitsvorrat
Auch einen alten Dampflokkessel kann die Natur in kürzester Frist verschwinden lassen

Experten und Götter

Mit der 1948 festgelegten SI-Einheit h für Stunde gelangten die Horen der alten Griechen durch die Hintertür zu den Naturwissenschaften. Diese fand auch heraus, dass das Sonnenlicht die Produktion des Glückshormons Serotonin steigert. Andere Studien wollen nachgewiesen haben, dass Sonnenlicht bei Männern appetitanregend wirke. Bei Frauen wiederum soll das Sexualhormon Östrogen diese Hormon-Ausschüttung verhindern ...

Grünfläche mit Trampelpfad neben Ruinen und Wohnhäusern in der Stadt
Nach wenigen Sommern werden Brachflächen zu Grünland - bis weit ins Stadtgebiet hinein
Weitläufiges wildes Gelände, hinter Gruppe von Büschen und jungen Bäumen ein mehrstöckiges Gebäude
Ein ehemaliger Rangierbahnhof ist in den Sommermonaten kaum mehr als solcher auszumachen
Leere Türöffnung in der Seitenwand einer Backsteinkirche hinter dicht stehenden Baumstämmen
Im Sommertarn einer Brache kann auch eine komplette Stadtkirche verborgen bleiben
Hölzerner Imbiss vor grüner Wand, der bereits bis kurz unters Dach zugewachsen ist
Recht leichtes Spiel hatte die Natur bei einer Sportgaststätte am Waldesrand

Bliebe noch die leidige Sommerzeit. Seit ihrer Einführung am 30. April 1916 im Deutschen Kaiserreich und in Österreich-Ungarn sorgt sie für Kontroversen. Dessen ungeachtet beginnt sie heutzutage am letzten Sonntag im März um 2.00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit (MEZ), um am letzten Sonntag im Oktober um 3.00 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ) zu enden. Auch so ein Zeitbruch, noch dazu ein sehr haltbarer.

Blick in gemauerte kreisrunde Öffnung im Boden, überwuchert durch Vegetation
Es war im Text bereits darauf hingewiesen worden: An Lost Places gilt die Warnung vor Sommerlöchern